1. AKT
Widerwillig kehrt Xanthippe den Boden auf.
XANTHIPPE
Verdammte Ameisen!
Sie schleudert den Besen gegen die Wand und zertritt mit bloßen Füßen das Getier.
XANTHIPPE
Mistviecher, elende!
Da, da, da!
Überall!
Da!
Die Nachbarin Archaia betritt den Raum.
ARCHAIA
Xanthippe!
XANTHIPPE
Da, da …
ARCHAIA
Störe ich?
XANTHIPPE
Ich versuche das Ungeziefer aus dem Hause zu treiben, und es wird immer mehr.
ARCHAIA
Wie meinst du ...
ich ...
XANTHIPPE
Denke dir, was du willst.
Dort ist ein Besen, mache dich nützlich! - Da!
ARCHAIA
Meine Liebe, ich glaube nicht, dir helfen zu können, denn ich bin mit dieser Arbeit nicht vertraut.
XANTHIPPE
Dann ist es auch für dich höchste Zeit, etwas Brauchbares zu lernen. Danke den hehren Göttern, dass sie dich im rechten Moment zu mir geführt haben.
ARCHAIA
Eigentlich wollte ich mit dir reden.
XANTHIPPE
Reden!
Über diesem Hause lastet ein Fluch. Ganz Athen kommt zu uns, um zu reden. - Da! Schon wieder eine!
Und was hindert dich daran, gleichzeitig den Besen in die Hand zu nehmen? Mistviech!
Es ist sehr einfach, sich in einem Haus, in dem gearbeitet wird, - da, da - nützlich zu machen.
ARCHAIA
Wenn du meinst, ...
Archaia nimmt einen Besen in die Hand und stellt sich beim Fegen äußerst ungeschickt an.
XANTHIPPE
Nein! Nein! Lass es lieber bleiben.
ARCHAIA
Wie du meinst, ...
XANTHIPPE
Ich habe voreilig angenommen, du wüsstest, dass man Ungeziefer nicht zu den Getreidesäcken sondern aus dem Hause kehrt.
ARCHAIA
Bei uns verrichten Sklavinnen diese Arbeit.
XANTHIPPE verlegen
Seit je habe ich es abgelehnt, - da, da - mich dem niedrigen Gezücht auszuliefern. Arbeiten, die du nicht selbst verrichtest, sind ... selbstbewusst Ist es nicht edler, Sklaven ihre Freiheit zu schenken als sich von ihnen bedienen zu lassen?
ARCHAIA
Wenn es aus freiem Willen geschieht, …
Nicht um mit dir zu streiten, bin ich gekommen. In aller Ruhe wollte ich ein wenig plaudern.
XANTHIPPE
Jetzt?
In aller Ruhe?
ARCHAIA
Wenn ich ungelegen …
XANTHIPPE
Ungelegen? Es ist Mittag, der Topf hängt über dem Herdfeuer - wo kriechen die schon wieder her? Nein, sorge dich nicht, du kommst bestimmt nicht ungelegen.
ARCHAIA
Ich werde dich besuchen, sobald du mit deiner Arbeit …
XANTHIPPE
Ich arbeite in diesem Hause den ganzen Tag, es ist völlig egal, wann du kommst, ich rackere immer. Du wirst dich ja nicht lange aufhalten wollen, jetzt kurz vor Mittag, wo alle Hausfrauen ...
ARCHAIA
Vielleicht ist es morgen …
XANTHIPPE
Was willst du eigentlich?
Hat dein Mann dich hinausgeworfen, weil du eine so gute Ehefrau bist oder brauchst du wieder einmal einen Krug Ziegenmilch?
ARCHAIA
Eigentlich bin ich …
XANTHIPPE
Das hätte ich mir denken können, du hast schon wieder keine Ziegenmilch besorgt.
ARCHAIA
Eigentlich bin ich …
XANTHIPPE
In einem ordentlichen Haus gibt es immer einen Krug frische Ziegenmilch.
ARCHAIA
Eigentlich bin ich …
XANTHIPPE
Ist es dir nicht unangenehm, dass du nicht einmal Ziegenmilch ...
ARCHAIA
… Eigentlich bin ich …
XANTHIPPE
Andauernd braucht sie Ziegenmilch!
Xanthippe schleppt den Eimer, aus dem Ziegenmilch überschwappt, herbei und stellt diesen demonstrativ vor Archaia auf den Boden.
XANTHIPPE
Ich folge dem Gebot der Götter, nicht dem meines Herzens.
Wohin, meine Liebe, darf ich die Ziegenmilch gießen?
ARCHAIA
Ich wollte …
XANTHIPPE
Wohin, bei allen Göttern, soll ich nun die Ziegenmilch gießen?
ARCHAIA deutet irritiert auf eine leere Amphore
Ich …
XANTHIPPE auffahrend
In meine Amphore! Kommt hierher, weil sie keinen Tropfen Ziegenmilch zu Hause hat und erwartet noch, dass ich ihr meine beste Amphore leihe!
ARCHAIA wütend
Was hast du mit deiner blöden Ziegenmilch? Ich benötige keine Ziegenmilch!
XANTHIPPE
Das ist doch unerhört!
Du bist doch gekommen, weil du Ziegenmilch brauchst.
ARCHAIA
Nein! Ich benötige keine Ziegenmilch, und im Übrigen vertragen wir keine Ziegenmilch. Die gesamte Familie bekommt Bauchkrämpfe, wenn wir Ziegenmilch trinken.
XANTHIPPE
Warum sekkierst du mich dann wegen der Ziegenmilch, wenn du keine benötigst?
ARCHAIA
Verdammt sei jede Ziege.
XANTHIPPE
Wie meinst du das?
ARCHAIA
Ich sagte doch: Verdammt sei jede Ziege in Attika und ihre Milch!
XANTHIPPE
Benötigt keine Ziegenmilch! Verträgt nicht einmal Ziegenmilch!
Dann sage mir endlich, was du sonst noch brauchst.
ARCHAIA
Eigentlich bin ich …
XANTHIPPE
Bauchkrämpfe von Ziegenmilch! Wer hat so etwas schon gehört?
ARCHAIA
Gekommen bin ich, um mit dir über Sokrates …
XANTHIPPE besorgt
Bauchkrämpfe wegen der Ziegenmilch? Ist es etwa möglich, dass du die Ziegenmilch nicht ordentlich kühlst? Einen anderen Grund kann es für eure Bauchkrämpfe gar nicht geben! Du solltest wissen, Ziegenmilch muss man immer …
ARCHAIA
Ich bin gekommen, um mit dir über Sokrates und nicht über Ziegenmilch und Bauchkrämpfe zu sprechen.
XANTHIPPE
Ich weiß, ich weiß! Ich mische mich in Angelegenheiten ein, die mich nichts angehen. Das habe ich von meiner Gutmütigkeit. Sind es etwa meine Bauchkrämpfe?
ARCHAIA
Bei allen Göttern im Hades, ich bin gekommen, um mit dir über Sokrates und nicht über Bauchkrämpfe zu sprechen.
XANTHIPPE
Warum sagst du das nicht gleich?
Wenn du ihn bei dir aufnehmen möchtest: bitte, sehr gerne. Solange er diesen Hausstand erhält, kann ich ihn leichten Herzens entbehren.
ARCHAIA
Nein, nein ...
Ich wollte dich ersuchen, ob du mit ihm sprechen könntest.
XANTHIPPE
Soweit ich informiert bin, gibt es niemanden in ganz Athen, den mein Mann nicht anspricht, um ihn nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Es ist das erste Mal, dass jemand über mich mit ihm Kontakt aufnehmen möchte.
Aber bitte, was darf ich fragen? Warum der Himmel blau ist oder warum es nach Sonnenuntergang dunkel wird?
ARCHAIA
Es ist so … ich wollte mit dir über Sokrates reden.
Er selber, du kennst ihn ja, ...
XANTHIPPE
Das darfst du annehmen.
ARCHAIA
... man kann nie sagen, was man ...
Vor lauter Fragen vergisst man, was man eigentlich sagen wollte.
XANTHIPPE
Findest du?
ARCHAIA
Schon zweimal versuchte ich ihn darauf anzusprechen, doch jedes Mal hat er mich unentwegt ausgeforscht. Er wollte wissen, was für mich schön sei und woran ich das Schöne im Haushalt erkenne.
XANTHIPPE
Das hat er mich noch nie gefragt.
Was hast du ihm erwidert?
ARCHAIA
Nichts von Bedeutung. Ich habe es längst vergessen.
XANTHIPPE
Meine Antwort hätte zumindest er sich gemerkt.
Meistens läuft Sokrates dann gleich zu seinen Schülern, um mit ihnen über meine Ansichten zu diskutieren.
[...]
Xanthippe deckt zornig den Tisch. Wütend knallt sie die Teller hin und trägt das Essen auf. Als man Sokrates nach Hause kommen hört, setzt sie sich schnell nieder. Fröhlich lachend tritt Sokrates ein.
SOKRATES
Gibt es etwas schöneres, Xanthippe, als …
Xanthippe schweigt und trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte. Verlegen verstaut Sokrates seinen Mantel in einer Truhe ehe er sich betroffen an den Tisch schleicht. Er wagt es nicht, Platz zunehmen.
SOKRATES
Es tut mir leid, wenn du auf mich warten musstest.
XANTHIPPE
Entschuldige dich lieber, wenn du einmal pünktlich bist.
SOKRATES
Nicht einmal Kerberos ist so wachsam.
Ist alles bereitet?
XANTHIPPE schlägt mit der Faust auf den Tisch
Hat je etwas gefehlt, wenn ich gekocht habe?
SOKRATES
Nun ja, die Würze, aber deine gute Stimmung übertrifft selbst die erlesensten persischen Kräuter.
XANTHIPPE
Musst du jeden Tag deine schlechte Laune zu Hause abreagieren?
SOKRATES
Meine schlechte Laune ...
XANTHIPPE
Setz' dich!
Seit einer Stunde hocke ich hier und sehe zu wie das Essen - es ist ohnehin das letzte, das ich für dich gekocht habe - kalt wird. Ich warte und die Gewürze, die du gleich vermissen wirst, verdampfen ehe du nach Hause kommst. Selbst die Kräuter sind vernünftiger als ich. Von ihnen könnte ich einiges lernen. Sie warten nicht auf dich sondern verdunsten im Nu. Es scheint, als würde es ihnen zu lange zu dauern, bis du mit deinem idiotischen Gequatsche auf der Agora zu Ende bist.
SOKRATES
Xanthippe, …
XANTHIPPE
Es ist mir völlig egal, wo du dich herumgetrieben hast. Ich frage dich nicht mehr nach deinem Verbleib.
SOKRATES
Wir ...
XANTHIPPE
Du hast es erreicht: Es ist aus, mit meinem lästigen Gefrage nach deinem Zeitvertreib.
SOKRATES
Wir ...
XANTHIPPE
Warst du wieder bei Xenophalos?
SOKRATES
Wer ist …
XANTHIPPE
Bei Xenophalos Wein trinken? Du warst bei Xenophalos? Bei Xenophalos warst du! Immer gehst du zu Xenophalos. Du weißt, dass er ein Betrüger ist. Und von wem weißt du das? Allein von mir hast du es erfahren!
Du verfügst nicht einmal über die Fähigkeit, einen Schurken von einem Edelmann zu unterscheiden.
SOKRATES
Haben wir nicht längst erkannt, dass es keinen Unterschied zwischen ...
XANTHIPPE
Vielleicht für dich.
SOKRATES
Xanthippe, wissen wir nicht seit jeher, dass alle Menschen gleich sind?
XANTHIPPE
Du irrst, mein Lieber! Du irrst! Sieh' dir allein uns beide an und behaupte weiterhin ...
Das ist doch absurd!
Er erzählt mir, mir erzählt er, mir, es gäbe keinen Unterschied zwischen den Menschen! Du solltest lieber mit offenen Augen und nicht mit offenem Maul durch die Gassen gehen.
SOKRATES
Im Übrigen heißt er Xenophan.
XANTHIPPE
Wieso?
SOKRATES
Das ist eine gute Frage. Jedenfalls heißt er Xenophan, nicht Xenophalos.
XANTHIPPE
Ist das nicht völlig egal!
SOKRATES
Sollte es nicht unsere heilige Pflicht sein, unsere Freunde zu achten, indem wir die Bedeutung ihrer Namen ehren?
XANTHIPPE
Erbarmungslos ruft mir der grausame Gott des Schicksals täglich meine heilige Pflicht zu: 'Dulde und ertrage!' – Bei Zeus, diese Bürde überschattet alle Namenspflichten und seien sie noch so heilig!
Wütend teilt Xanthippe das Essen aus. Sokrates nimmt einen großen Bissen.
SOKRATES keuchend
Ist das Essen nicht dafür, dass es seit einer Stunde hier steht, unangenehm heiß?
keuchend Ich brauche einen Becher Ziegenmilch!
XANTHIPPE auffahrend
Ziegenmilch?
SOKRATES nach Luft ringend
Ziegenmilch kühlt!
Xanthippe geht zum Eimer mit der Ziegenmilch und entnimmt einen Becher. Sie blickt bebend in den Becher und gießt den Inhalt in einen leeren Eimer.
XANTHIPPE
Biester! Verdammte Ameisen!
Xanthippe füllt den Becher erneut mit Ziegenmilch und stellt ihn knallend auf den Tisch.
XANTHIPPE bissig
Frische Ziegenmilch!
SOKRATES erleichtert
Ziegenmilch kühlt!
XANTHIPPE
Fängst du schon wieder an, über mein Essen zu schimpfen! Erst muss ich auf dich warten, dann ... dann brauchst du Ziegenmilch! hält sich den Bauch Nun bekomme ich Bauchkrämpfe!
Warst nicht du es, der gestern hier, in diesem Raum, seinen Schülern erzählt hat, man müsse auf das Essen eine Zeitlang verzichten, um danach mit mehr Lust, billiger und gesünder zu essen.
SOKRATES
Das hast du …
XANTHIPPE
Mein Lieber, ich muss nicht wie Platon alles aufschreiben. Deine Weisheiten merke ich mir bis an mein Lebensende.
SOKRATES
Ich habe nur festgestellt.
XANTHIPPE
Hier, in diesem Haus, hast du gar nichts festzustellen, …
SOKRATES
... denn es ist das Haus meiner Eltern! Nur vergiss nicht, dass sie - altersbedingt - längst umgezogen sind.
XANTHIPPE
Die Götter werden dich strafen.
SOKRATES
Ist dein Wunsch nicht längst in Erfüllung gegangen?
Im eigenen Hause ist es verboten festzustellen, …
XANTHIPPE
Tagsüber hindert dich niemand daran, mit deinen Schülern festzustellen, dass ein Stein zu Boden fällt, wenn man ihn zuvor fallen lässt und dass jeder Mensch am Ende seines Lebens stirbt. Doch hier, hier in meinem Hause, verschone mich mit deinen Feststellungen. Vor allem, wenn sie mein Essen betreffen.
Machst du bei Xenophalos auch deine Feststellungen?
SOKRATES
… -phan!
XANTHIPPE
Von mir aus: Xenophan!
Stellst du dort wenigstens fest, dass seine Ware verdorben ist. Bei Xenophan treibt er sich herum und will mir einreden, er sei, weiß Apoll wo gewesen. Bei Xenophalos, diesem Halunken war er! Meinem Bruder Aigidios hat Xenophalos …
SOKRATES und XANTHIPPE
... gewässerten Wein verkauft.
XANTHIPPE
Mach' dich nur über mich lustig.
Ich verdiene kein besseres Los.
Bauchkrämpfe kann man bekommen.
SOKRATES versöhnlich
Nimm einen Schluck von der guten Ziegenmilch. reicht ihr seinen Becher entgegen
XANTHIPPE mit höchster innerer Anspannung
Nur keine Ziegenmilch!
Xanthippe und Sokrates essen schweigend.
XANTHIPPE
Warum sprichst du eigentlich nichts? Ist das ein Benehmen nach Hause zu kommen und kein Wort zu sprechen?
SOKRATES
So. Ja, ja.
Worüber sollen wir sprechen?
XANTHIPPE
Bin ich dir also zu ungebildet! In meiner Familie war Bildung schon Selbst-verständlichkeit, als deine Vorfahren noch Trieren ruderten. Glaube nur nicht, deine Weisheit ... Es ist zu lächerlich. Vor Jahren kamst du halbbetrunken nach Hause, stelltest dich breitbeinig auf, machtest ein Gesicht wie ein balzender Pfau und sprachst mit tiefer, getragener Stimme: 'Xanthippe, ich bin heute mit meiner Arbeit ein großes Stück vorangekommen. Seit heute weiß ich, dass ich nichts weiß!'
Mein lieber Sokrates, ich habe nicht so viel Zeit, um den ganzen Tag nachzudenken, denn einer von uns beiden muss auch etwas arbeiten, aber selbst wenn es dich noch so enttäuschen mag, diese Erkenntnis habe ich schon bald noch unserer Hochzeit gewonnen.
Du hättest lieber den Beruf deines Vaters ergreifen und Steine behauen sollen. Das brächte uns wenigstens ein sicheres Einkommen.
SOKRATES
Weil wir gerade so nett beisammen sitzen, wollte ich dir sagen …
XANTHIPPE
Ja?
SOKRATES
... für heute habe ich Besuch eingeladen.
XANTHIPPE
So? Für heute?
Fein!
Welch edle Geschöpfe darf ich bewirten? Bettler, Diebe, Huren, Lustknaben?
Einerlei, wir Menschen sind ja alle gleich!
SOKRATES
Es werden lediglich drei Philosophen kommen.
XANTHIPPE
Wie?
SOKRATES
Drei Philosophen.
XANTHIPPE
Du hast es schon immer verstanden, selbst meine ärgsten Befürchtungen zu übertreffen. Asketen oder Fresser?
SOKRATES
Wieso?
XANTHIPPE
Es gibt nur zwei Sorten von Philosophen: Ausgemergelte, klapprige Gerippe, die wie spartanische Schafe nach der Dürrezeit herumziehen – meistens noch Ungeziefer in die Häuser schleppen - und verfressene, alte, fette, schwammige Männer.
Am erbärmlichsten sind jene, die gerne fressen würden, es sich aber nicht leisten können.
SOKRATES
Du kannst beruhigt sein, wir werden gar nichts essen.
XANTHIPPE
Ach, ihr werdet nur diskutieren. Ich hoffe, du irrst dich nicht ebenso sehr wie voriges Mal. Bis auf die letzte Olive haben diese Termiten meine Vorratskammer geplündert.
SOKRATES
Diesmal kommen - um deine Klassifizierung zu gebrauchen - nur Asketen.
Auf der Straße hört man Männer ausgelassen singen.
XANTHIPPE
Saufbolde! Der Mann wird ewig Barbar bleiben.
SOKRATES
Ist nicht auch Gesang Ausdruck von Kultur?
XANTHIPPE macht mit der Hand eine Trinkbewegung
Vielleicht ist der Einfluss, unter dem der Gesang entsteht, nicht völlig unbedeutend?
SOKRATES
Wie kannst du jemand tadeln, der Lieder eines Dichters singt? Aus den Dichtern spricht die Stimme der Götter.
Vor dem Hause hört man grölendes Gelächter.
XANTHIPPE
So poetisch wird wohl Sappho gesungen haben.
Jemand trommelt mit der Faust heftig an die Türe.
XANTHIPPE
Es hätte mich gewundert, wenn sie an unserem Hause vorbeigegangen wären.
Ob das auch Asketen sind?
Der Dichter Agathon, der Schuster Demetrios sowie der Seefahrer Miltiadros betreten den Raum.
XANTHIPPE zynisch
Nur herein, ihr Asketen, wir haben schon auf euch gewartet!
[...]
AGATHON
Aber davor steht noch immer die Frage: Kann man das Gute erkennen?
SOKRATES
Vermag nicht jeder Mensch das Gute wahrzunehmen, zu erspüren, in sich zu fühlen?
Doch das Gute zu verstehen, das ist eine andere Sache. Am Ende unseres Weges werden wir alle, auf einer höheren Ebene als unser Wahrnehmen es hier zulässt, das Gute in uns erfahren. Vielleicht ist das zu erlangen der einzige Grund, warum wir hier leben. Mag der tiefere Zweck unseres Daseins darin liegen, das Gute im Universum, in der Welt und in uns zu suchen? Ist es des Lebens Ziel, in uns die Vollkommenheit, in die wir geboren werden, wieder bewusst zu machen? Gibt es im Erdenleben mehr, als sich selbst durch die Welt zu erfahren und die Welt über sich selbst zu erkennen?
DEMETRIOS
Welchen Sinn sollen wir dahinter sehen, dass das Gute nicht sofort für alle verständlich ist? Warum erst am Ende unseres Weges, wie du sagst?
SOKRATES
Die Wahrheit, das Gute, ist ein unbeschreiblich helles Licht. Um nicht geblendet zu werden, muss sich der Mensch erst langsam an diese Kraft gewöhnen.
Wie erst das Licht alles Seiende beleuchtet und so das Finstere mit dem Glanz der Farbenwelt umstrahlt, wie es alles durchdringt und erwärmt, wie es alles wachsen und gedeihen lässt, so umstrahlt und durchdringt auch das Gute alles Seiende, um es liebend und liebenswert zu machen. Wie die Sonne als Quelle des Lichtes für uns in unerreichbarer Ferne steht, so bleibt auch auf Erden das Gute ein ewiges Verlangen ... Wir streben es an, spüren tiefes Verlangen, aber erfassen werden ...
AGATHON
Doch wieso paart sich mit dem Verlangen nach dem Guten die Faszination des Bösen? Je grausamer wir Dichter schreiben, umso mehr begeistern wir das Publikum. Will man nicht verspottet werden, darf man keine unblutigen Dramen schreiben.
XANTHIPPE
Er hat Recht! Er hat Recht!
Wenn ich an den letzten Sophokles denke, faszinierend. Am meisten hat mich Klytaimnestra beeindruckt. Ich finde es einfach herrlich, wenn eine Frau gemeinsam mit dem Liebhaber ihren alten, fetten Ehemann erschlägt. Großartig, nicht?
MILTIADROS
Sokrates, nimm dich in Acht.
XANTHIPPE
Sophokles versteht, worum es im Leben wirklich geht.
DEMETRIOS
Das ist ja Wahnsinn.
SOKRATES
Ja, das ist Wahnsinn.
XANTHIPPE
'Die kostbarsten Güter entstammen immer dem Wahnsinn' - Sokrates, der Philosoph.
SOKRATES fürsorglich
Wir sprachen damals von einem göttlichen Wahnsinn, einem Wahnsinn, verliehen durch göttliche Gunst.
XANTHIPPE
So, so. Und dein Wahnsinn ist etwa auch göttliche Gunst?
SOKRATES
Ja, wie alles, was geschaffen ist, göttliche Gunst nährt.
Agathon, ich denke im Menschen steckt das Gute ebenso wie das fehlende Gute - das Böse. Daher erkennt man das Gute vor allem wenn man es vermisst. Die Möglichkeit des Bösen fasziniert uns deshalb so sehr, weil in jedem von uns diese Fähigkeit steckt. Aber unser Sehnen gilt dem Guten. - Jedes Handeln sei ein Streben nach dem Guten.
DEMETRIOS
Kann man etwas anstreben, das man gar nicht kennt?
SOKRATES
Wenn du einen Menschen, der dir niemals zuvor begegnet ist, sehnlichst kennenlernen möchtest, so bist du froh, nach eifriger Suche zumindest herausgefunden zu haben, wo dieser wohnt. Wir Menschen sind nichts anderes als Häuser des Guten.
XANTHIPPE
Heute also das Gute! Vorige Woche hatten wir die Tapferkeit. Die Woche davor das Schöne. Und es endet immer gleich. Sokrates wird bald seine Stirne in Falten legen und mit getragener Stimme sprechen: Wir haben nicht feststellen können, was das Gute ist!
SOKRATES
Wir haben es auch noch nicht gefunden.
XANTHIPPE
Es wäre auch das erste Mal gewesen, wenn du ein Ziel erreicht hättest.
Freunde, wollt ihr morgen wieder kommen oder dürfen wir euch über Nacht beherbergen?
SOKRATES
Aber wir werden eifrig das Gute suchen. In jedem Baum, jeder Blume, jedem Tier und vor allem in jedem Menschen. Die Suche wird uns glücklich machen, denn sie verspricht uns die Glückseligkeit der Erkenntnis der höheren Werte. Erkenntnis und Wahrheit sind mit dem Guten verwandt, freilich steht dieses noch viel erhabener da.
AGATHON
Wo meinst du, sollen wir diese Suche beginnen?
SOKRATES
In uns selbst. Erst wenn wir uns selber erkannt haben - erkannt und akzeptiert, wenn wir mit uns selbst eins sind, wenn wir uns selbst lieben, werden wir das Gute, das in uns gepflanzt ist, auch genießen. Wir selbst werden es in die Welt hinaustragen und aus der Welt in uns aufsaugen. Dann werden wir von allen Gesetzen und Zwängen, die das Gute fesseln, entbunden sein. Allein das Gute wird durch uns wirken. Frei werden wir sein, denn das Gute ist die Macht über jene Kräfte, die das Gute nicht zulassen wollen zu herrschen. So lasst uns suchen, suchen, suchen ...
XANTHIPPE
Ja, sucht nur gut. Ich werde inzwischen die Kleider gut waschen.>