1. AKT
[...]
Katastrophale Probe zur Uraufführung von Beethovens 5. und 6. Sinfonie im Theater an der Wien.
BEETHOVEN
Mein lieber Seyfried, ich muss Sie bitten, mir mein ungebührliches Benehmen nachzusehen, … ich fühlte mich und mein Werk von der Übermacht des Orchesters bedroht … es ist …
SEYFRIED
… längst vergessen, denn wir haben alle unsere schlechten Tage.
BEETHOVEN
Nicht die Tage sind es, die uns zu unverzeihlichen Taten treiben, es sind die dunklen Saiten in uns. Vor ihren Anschlägen haben wir uns in Acht zu nehmen, um uns selbst wie unsere Umwelt vor uns zu schützen. … Ach, sind wir nicht selbst jene, die die dunklen Töne in uns zum Schwingen bringen? Vergeben Sie mir?
SEYFRIED
Vertrauen Sie mir, das Orchester und ich haben den Vorfall längst vergessen. Lassen Sie uns endlich über das Konzert sprechen: Wie ist der „Hirtengesang“ zu verstehen?
BEETHOVEN irritiert
Zu verstehen?
SEYFRIED
Ich meinte, welche Korrekturen haben Sie zu meinem Dirigat vermerkt?
BEETHOVEN
Nachdem ich das Hörrohr abgesetzt hatte und meine Magenkolik nachließ, vernahm ich im Innersten die Komposition in vollendeter Form.
SEYFRIED
Wünschen Sie, dass ich die Tempi generell zügiger nehme?
BEETHOVEN
Junger Freund, ändern Sie gar nichts. Welchen Sinn sollte es haben, bei einer Wiedergabe, in der alles falsch gespielt wird, ein paar Tempi zu ändern?
SEYFRIED
Verzeihen Sie, verehrter Meister, ...
BEETHOVEN
Sehen Sie zu, dass es zumindest beim Konzert nicht in jedem Satz zu mehreren Abbrüchen kommt, weil die Musiker um ganze Takte auseinander geraten sind. Seyfried, geben Sie größere Zeichen, wenn diese Hornochsen nicht in der Lage sind, Noten zu lesen und an der notierten Stelle einzusetzen!
SEYFRIED
Verzeihen Sie, verehrter Meister, ...
BEETHOVEN
Ich verzeihe Ihnen alles, denn im Grunde habe ich ihnen sogar dankbar zu sein, mich vor der Pein zu bewahren, direkt im Orchestergraben miterleben zu müssen, wie meine Komposition bis zur Unkenntlichkeit verhunzt wird.
SEYFRIED
Es ist wahr, die zur Verfügung stehenden Musiker sind in ihrer Begabung und Aufnahmefähigkeit sehr uneinheitlich. Die große Besetzung verlangt, dass man nicht nur Berufsmusiker engagieren kann, sondern auch auf Laien zurückgreifen muss.
BEETHOVEN
Nicht Beethovens Orchestrierung ist das Problem. Zufälligerweise gibt der edle Hofkompositeur Salieri an just jenem Tag eine verächtlich Serenade, an dem mein Akademiekonzert stattfindet. Sein unverdienter Einflusses und die Moneten seiner Mäzene haben es ihm leicht gemacht, mir alle talentierten Musiker der Stadt abzuwerben, um seine läppische Tanzmusik aufzuführen.
SEYFRIED
Haben Sie Vertrauen, …
BEETHOVEN erbost
Sie sagten, „Laien“ säßen in meinem Orchester?
SEYFRIED
Haben Sie Vertrauen, alle Ihre Musiker sind bemüht, ihr Bestes aus sich herauszuholen.
BEETHOVEN empört
Vertrauen in den Dilettantismus zu setzen ist das Ende jeder Kunst.
SEYFRIED
Die Musiker stehen an Ihrer Seite. Haben Sie doch Vertrauen!
Beethoven verzieht schmerzgequält sein Gesicht. Es singt das Leitmotiv des zweiten Satzes seines Klaviertrios op. 70, 1, genannt „Geistertrio“. Immer wieder hält er sich seine Ohre zu, um seine Gehör zu überprüfen.
Seyfried ist mit dem seltsamen Verhalten des Komponisten überfordert und steht ratlos da. Entschlossen gibt er vor, etwas in seinen Noten zu suchen, um die peinliche Situation zu überspielen.
Beethoven hält sich abwehrend beide Ohren zu. Innerlich hört er die Komposition in orchestrierter Form. Ein heftiges Rauschen unterbricht die Musik.
BEETHOVEN wuterfüllt
Vertrauen! Vertrauen! Vertrauen! Die Musiker stehen an meiner Seite! Aber mit einem gezogenen Messer und einem höhnischen Grinsen im Gesicht.
SEYFRIED
Ich versichere Ihnen, beim Konzert werden die Musiker aufmerksamer sein und präziser spielen. Es wird zu keinem Abbruch der Aufführung kommen.
BEETHOVEN zornig
Man darf in der Kunst keine Kompromisse eingehen. Er, Seyfried, ist nicht einmal der Kompromiss eines Kompromisses. In Ihm steckt nicht mehr Musikalität als in einem Metronom dieses Musikautomatenfabrikanten Mälzels. Wenn ich höre, welch grauenvolles Getöse Er aus meiner Musik macht, fühle ich mich wie König Priamos beim Einsturz der Mauern von Troja.
SEYFRIED verzweifelt
Herr van Beethoven, …
BEETHOVEN brüllt
Seyfried, Er ist das Trojanische Pferd, in dessen Bauch eine Meute unmusikalischer Idioten den Tempel meiner Symphonien zu Fall bringen will. Er hat es nie überwunden, dass Er nur ein kleiner, unbegabter Tonsetzer geblieben ist, der vergebens versucht, ein Tondichter zu werden. Da, da, da, dam! Dieses Tempo verlangt meine fünfte Symphonie! Jedes andere widerspricht dem revolutionären Charakter der Komposition, aber davon hat Er keine Ahnung, wie ich Seinem banalen Fragen entnehmen musste. Da, da, da, dam!
Beethoven schreit auf, krümmt sich vor Scherzen und boxt sich in den Bauch.
Der Violinist Ignaz Schuppanzigh eilt herbei und kümmert sich besorgt um Beethoven. Ritter von Seyfried ist völlig außer Fassung und vermag nur mit Mühe die Tränen zu unterdrücken.
SCHUPPANZIGH
Ludwig, was ist geschehen?
SEYFRIED
Er ist außer sich, schicken Sie nach dem Arzt!
BEETHOVEN röchelt
Wie sollte ein Arzt helfen? Es sind meine Magenkrämpfe!
SCHUPPANZIGH
Der Medicus wird Dir helfen!
BEETHOVEN zu Schuppanzigh
Verschone mich mit Ärzten! Sie haben noch mehr Menschen auf dem Gewissen als unfähige Musiker! – wütend zu Seyfried Laienmusiker! Nicht, dass man in einem Wiener Orchester etwas anderes als eine Horde Laienmusiker erwarten würde, aber jene, die als solche bezeichnet werden … Er ringt nach Luft. Laienmusiker!
SCHUPPANZIGH halblaut zu Seyfried
Was ist geschehen?
SEYFRIED
Beethoven! Und Sie fragen noch, was geschehen sei?
[...]
>