1. AKT
Die Bibliothek im Hause des Gelehrten Doktor John Dee. Alle Fensterläden sind geschlossen. Eine flackernde Kerze verleiht dem Raum dämmriges Licht. In der Mitte des Studienraumes erkennt man einen schweren Eichentisch mit Büchern, Landkartenrollen sowie Glaskolben für alchemistische Experimente.
Doktor John Dee sitzt in einem Erker an einem kleinen Tisch, sieht gebannt in eine Kugel und schreibt, ohne auf das Papier zu blicken, etwas nieder. Selbst beim Eintauchen des Federkiels in die Tintenschale wendet er seinen Blick nicht vom Kristall ab.
Plötzlich wird die Türe aufgerissen. Nicolas läuft in den Raum.
NICOLAS Doktor Dee! Doktor Dee, ich soll Bücher abholen!
Hastig wirft Master Dee ein großes Wolltuch über den Tisch und öffnet eilig die Fensterläden.
NICOLAS Verzeiht, wenn ich Euch störe. Mein Herr schickt mich … wegen der Bücher.
JOHN DEE Hast Du keine Manieren? Elender Bengel!
NICOLAS Es tut mir leid. Ich wusste nicht …
JOHN DEE Elender! Im eigenen Hause wird man überfallen!
NICOLAS Ich wollte Euch nicht während der Arbeit stören! Master Dee, ich soll …
JOHN DEE vorwurfsvoll. Du hast ihn vertrieben!
NICOLAS Wen?
JOHN DEE verbittert zu sich selbst. Vertrieben.
NICOLAS Auf dem Korridor ist mir niemand begegnet.
JOHN DEE Wozu rede ich mit diesem Bengel. Was willst Du hier?
NICOLAS Mein Herr schickt mich, wegen der Bücher.
JOHN DEE Bücher? Es gibt hier keine Bücher zu holen. Ich verkaufe keine mehr.
Was stehst Du noch herum? In diesem Hause werden keine Bücher mehr verkauft!
NICOLAS Aber mein Herr …
JOHN DEE Dein Herr! Was kümmert mich Dein Herr! Dein Herr!
Stürmt einfach herein, um Bücher zu holen! Meine Bücher!
NICOLAS Mein Herr …
JOHN DEE Bücher abzuholen ist Dein Auftrag! Hast Du in Deinem Leben je ein Buch gelesen?
NICOLAS Ich studiere bei …
JOHN DEE Nun gut, du studierst.
Das sagt gar nichts. Wer studiert denn heute nicht!
NICOLAS Ich studiere bei Master Cotton.
JOHN DEE verwundert. Master Cotton? Robert Cotton ist Dein Herr!
Er half mir, meine Einsamkeit in Manchester zu überleben.
Das Leben verzeiht viele Fehler. Nur nicht den, einen Lehrstuhl in Manchester angenommen zu haben.
Man hört eine Kirchenglocke läuten. Aufmerksam lauscht John Dee. Gedankenversunken leert er Sand in sein Stundenglas, vergewissert sich, dass die Füllung bis zu einer bestimmten Markierung reicht und beobachtet, wie die Körner zu rieseln beginnen.
JOHN DEE Eine Stunde. Eine Stunde … nicht mehr … das ist nicht viel, aber eben eine Stunde.
Er betrachtet das Stundenglas. So, so, Du studierst. Wie aufregend. Wie bedeutend.
Was lehrt Dich Dein Studium?
Sage mir frei heraus: Wie nutzt man eine Stunde, was tut man mit dieser Zeit?
NICOLAS Ich verstehe nicht, was Ihr meint.
JOHN DEE Es ist gut, wie es ist.
NICOLAS Ich verstehe nicht …
JOHN DEE Während unseres gesamten Lebens treffen wir vielleicht auf zwei Menschen, von denen wir für einen Moment meinen, sie würden uns verstehen. Warum solltest ausgerechnet Du …
NICOLAS Ihr könntet Euch bemühen, mir zu erklären, was Ihr meint.
JOHN DEE So, so!
Jahrelang habe ich den Lauf der Zeit verfolgt. Er deutet auf seinen Wandschrank. Siehst Du all die Pläne und Karten? Sie beschreiben die Bahnen der Zeit, wie sie die Gestirne zeichnen. Ich habe immer gegen ihre Tyrannei angekämpft. Was meinst Du, warum ich so alt geworden bin?
NICOLAS Ich …
JOHN DEE Nein, Du irrst. Es sind nicht die Weiber, mein Studiosus, die Dich
verjüngen. Es ist der Blick zum Himmel. Und wenn Du vermagst, in den Himmel.
Dort steht alles geschrieben. Dort kannst Du lesen, welche Späße die Zeit mit Dir und Deinesgleichen noch vorhat. Nicolas tritt ans Fenster und blickt zum Himmel.
Ach, schaue nicht unwissend nach oben. Ich sage Dir, Deine Zeit ist hier unten.
Du musst sie nutzen. Musst ihren Wert zu gebrauchen wissen, denn sonst … sonst, verbraucht sie Dich. Gnadenlos. Ohne Rücksicht. Ohne Pardon.
NICOLAS Gewiss …
JOHN DEE Das sind die Werte, die man Dich lehren sollte.
NICOLAS Gewiss …
JOHN DEE Zähle stets, wie viele Kerzen Du benötigst. Wer viele Kerzen kauft, braucht wenig Schlaf. Daran erkennt man, wer wach durch sein Leben geht.
NICOLAS lacht.
JOHN DEE Ich habe es immer so gehalten: vier Stunden Schlaf, zwei Stunden – nicht mehr – zwei Stunden für Besorgungen, Körperpflege und Speisen, doch achtzehn Stunden widmete ich dem Studium. Du kannst die Dinge nur erforschen, wenn Du sie gründlich studierst. Wissen verlangt Disziplin. Hörst Du, wenn Du das Wesen der Dinge erkunden willst … achtzehn Stunden. Achtzehn Stunden.
NICOLAS Achtzehn Stunden pro Tag?
JOHN DEE Wann meinst Du, habe ich all diese Bücher studiert?
NICOLAS Achtzehn Stunden?
JOHN DEE Disziplin heißt der Pfad zum Wissen.
Aber der wahre Gelehrte studiert nicht dank seiner Disziplin. Nein. Es ist nicht die Disziplin. Den Forscher treibt immer die Faszination. Forschen ist eine Sucht. Sie macht dich gierig, unersättlich, besessen! Je mehr du aus diesem Brunnen trinkst, umso quälender wird der Durst nach Erkenntnis. Jede Faser deines Körpers ist besessen von der Lust zu erfahren, was die Phänomene belebt. Wodurch sie gelenkt werden. Wer sie steuert.
Und eines Tages hältst du triumphierend dein Wissen empor und musst dir eingestehen, dass es nur eine Larve ist, deren Grinsen dich verhöhnt, während die Ursache, nach der du forschtest, dir verborgen bleibt.
Am Ende stehst du vor einem Glas mit einer Handvoll Sand und weißt, wenn die Stunde durchgeflossen ist, dann ist alles vorbei. Dann ist alles zu Ende.
NICOLAS Master Dee, wie meint Ihr das?
JOHN DEE Welche Schriften sind es, die Cotton studieren möchte?
NICOLAS Hier ist die Liste, Master Dee.
JOHN DEE Warst Du je in Manchester? Studierst Du etwa in Manchester?
NICOLAS Nein, Sir.
JOHN DEE Das ist gut, dann kann aus Dir etwas werden.
NICOLAS Sir, …
JOHN DEE Merke Dir gut: Man nimmt kein Amt in Manchester an. Wer nach Manchester berufen wird, zieht in die Verbannung. Ich war Rektor des Kollegiums von Manchester. In Manchester habe ich erkannt, dass Unsinn zur Wissenschaft wird, wenn es der Lehrer gebietet.
NICOLAS lacht.
JOHN DEE Sie wollten mich demütigen, meinen Geist brechen. Fein haben sie es angestellt … wahrlich fein! Es war wohl durchdacht. Grausamer hätte ihre Rache nicht ausfallen können!
NICOLAS Wer hat Euch bedrängt?
JOHN DEE Die Mächtigen. Ich habe ihnen nicht mehr gehorcht, bin nicht mehr ihr Spielball gewesen. Zu lange habe ich ihnen gedient. Ich sagte nein! Da haben sie mich verbannt! Nach Manchester. Sie wollten mich vor der Welt verbergen und meinen Geist töten. Grausam war ihre Rache … grausam … und dennoch zu schwach, um mich zu brechen …
NICOLAS Sir, was hat man Euch vorgeworfen?
JOHN DEE Dein Auftrag ist es, Bücher abzuholen!
Sie werden kommen. In einer Stunde. In einer Stunde.
Von London nach Mortlake benötigt man zu Pferd eine Stunde. Und dann. Und dann. Dann werden sie hier sein. In einer Stunde wird das sein.
Was vermag man zu tun, wenn das Leben dir nur noch eine Stunde Zeit lässt?
Wie verbringt man diese eine Stunde?
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