Weihnachten gilt den Menschen als ein Fest des Schenkens. Der tiefere Sinn des Schenkens besteht darin, anderen Freude zu bereiten. Doch nicht immer bereitet das Freudebereiten dem Freudebereiter auch Freude, vor allem dann nicht, wenn sich dieses prinzipiell sehr edle Vorhaben als schwierig erweist. Seit die Menschheit Weihnachten zelebriert, ließen und lassen sich in allen Zeiten wie an allen Orten leidvolle Erfahrungen mit dieser Herausforderung bestätigen.
Warum sollte es sich daher mit dem Schenken ausgerechnet im sogenannten „Goldenen Zeitalter“ der Stadt Weimar anders verhalten haben? Vielleicht war es damals in einem ganz speziellen Fall sogar noch schwieriger als anderswo, denn in dieser legendären Epoche lebte im kulturellen Zentrum Thüringens kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Er war nicht nur Freund des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar, Minister, Direktor des Hoftheaters und gefeierter Autor, dessen Ruf sich bereits seit drei Jahrzehnten über Europa verbreitet hatte, sondern und gerade das machte es so schwierig, ihn zu beschenken: Er war Goethe.
Anfangs versuchte jeder, dem sich irgendwie eine Gelegenheit bot, Goethes Bekanntschaft zu machen, denn schon allein dank dieser Errungenschaft stieg man beneidenswert rasch im Ansehen der übrigen, sogenannten „normalen“ Bevölkerung. Doch dann galt es alles daranzusetzen, dieser flüchtigen Bekanntschaft, die vielleicht nur auf dem Wechseln weniger Worte basierte, eine Verbindlichkeit zu verleihen oder nötigenfalls auch aufzuzwingen. Praktisch geschieht dies seit jeher mit Hilfe eines Geschenks, das aufgrund seiner Originalität einen bleibenden Eindruck beim Empfänger hinterlässt.
Allerorts kristallisieren sich exquisite Modegeschenke aus der Flut herkömmlicher Gaben heraus, die im Trend der Zeit liegen und mit denen man nie oder nahezu nie einen Fauxpas begehen kann. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war in Weimar das typische Modegeschenk ein Poesie-Bändchen mit Gedichten von Friedrich von Schiller. Unbedacht vermochte man dieses Büchlein jedem zu überreichen. Jedem – außer Goethe, denn dies wäre definitiv taktlos gewesen.
Auf die einzige Alternative, eine Poesie-Ausgabe mit Werken von Goethe, konnte man im gegebenen Fall auch nicht zurückgreifen. Eine Abhandlung über Naturwissenschaften musste als zu prekär angesehen werden, denn Goethe war im Begriff, die Naturwissenschaften neu zu erfinden. Ebenso war es undenkbar, dem Dichter der „Iphigenie“ eine Fibel über antike Kunst zu überreichen, denn womöglich hätte er dieses Präsent als Hinweis, er benötige historische Nachhilfe-Lektionen, interpretiert. Folglich lag nahe, ihn mit einem Werk über Philosophie zu erfreuen. Aber wer zu dem erlesenen Kreis jener gehörte, die Goethe öfter bei Konversationen erleben durften, wusste, dass er an einem Tag einen Philosophen lobend hervorhob jedoch mit gleicher Überzeugungskraft demselben bei nächster Gelegenheit jegliche Fähigkeit im Denken absprach.
Ein erlesener Federkiel mochte den Verdacht aufkeimen lassen, der Schenker erwarte sich als Gegengabe eine persönliche Widmung oder gar ein Gedicht aus der Hand des Meisters. Und wie groß mag wohl die Anzahl an ziselierten Messern zum Spitzen von Schreibfedern, Tintenfläschchen aus Silber und anderen Schreibpult-Accessoires in Goethes Haushalt gewesen sein, da der Dichter seit Jahren von Heerscharen an Bewunderern und Bewunderinnen mit diesem kostbaren Kram überhäuft worden war!
Theater-Billetten schieden als Weihnachtsüberraschung völlig aus, denn zum einen würde man dadurch den penetranten Eindruck vermitteln, man hoffe, Goethe würde die Einladung aussprechen, ihn zur Vorstellung zu begleiten und zum anderen, in welche Aufführung konnte man den Autor von „Clavigo“, „Egmont“ und „Stella“ bitten, ohne berechtigte Zweifel zu hegen, ob er mit Dichtung und Versmaß des Dramas zufrieden sein würde! Außerdem war Goethe Direktor des Hoftheaters. Folglich konnte man ihn schwerlich in sein eigenes Haus einladen und jedes andere Theater im deutschen Sprachkreis stand in der öffentlichen Meinung schon allein aus Respekt gegenüber dem Dichterfürsten tief unter dem künstlerischen Niveau des Hoftheaters von Weimar.
Goethe war bestimmt der einzige Mensch, dem man keine Bouteille sizilianischen Weines überreichen konnte, nutzte er doch nahezu jede Gelegenheit, um in Gesellschaften von seiner Reise durch Italien, die ihn zum profundesten Kenner der mediterranen Kunst und Kultur werden ließ, zu berichten. Somit vermochte kein in Weimar erstandener italienischer Wein, und war sein Bouquet noch so blumig, einem im Palazzo von Messina zur rechten Seite des Gouverneurs eingenommenen Wein standzuhalten, geschweige denn als Geschenk von bleibendem Eindruck zu dienen.
Und Goethe, dessen erlesener Stil sich zu kleiden bereits aufgrund seines Werther-Romans die Mode geprägt hatte, wonach zahllose Menschen stilgerecht in blauem Frack mit polierten Messingknöpfen, gelber Weste, offenem Halstuch, heller Lederbeinkleidung und Stulpstiefeln in den Freitod gegangen waren, ein Stecktuch mit Monogramm zu überreichen, wäre lächerlich gewesen. Gott bewahre, er könnte daran Gefallen finden, einer weiteren literarischen Figur, die unglücklich liebend in den Selbstmord geht, dieses Stückchen Seide mit einer Brosche an den Gehrock zu stecken! Womöglich würde eine weitere Suizidwelle Europa in Blut tränken und man müsste sich zeitlebens wegen eines läppischen Stecktuches Vorwürfe machen. Bestimmt hätte man diese moralische Schuld alleine zu tragen, denn der Dichterfürst hatte der Welt bereits vorgelebt, wie er mit zahllosen Verzweiflungstaten, die ein Werk aus seiner Feder auslöst, in stoischer Gelassenheit zurechtzukommen weiß.
Damen waren freilich um vieles leichter zu beschenken; konnte man doch stets auf Utensilien für den Haushalt zurückgreifen, wie etwa eine spitzenumfasste Tischdecke aus feinstem Damast mit zur Farbe der Salonmöbel passender Brokatschleife. Welche Dame freute sich nicht über eine Zuckerdose aus Meißner Porzellan, die mit Szenen aus einem Schäferspiel bemalt worden war? Aber unbestritten wäre der Zenit an Peinlichkeit erklommen, schenkte man Geheimrat von Goethe Tischwäsche mit Brokatschleife oder eine Zuckerdose mit Schäferspieldekor.
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Einer, der besonderer Unterstützung bedurfte, war Goethe. In ihrer Vergötterung ihm gegenüber, hatten nahezu alle Menschen seiner Umgebung dies übersehen. Es war allgemein bekannt, nicht zuletzt konnte jeder das in Goethes literarischen Reflexionen mit Neugierde und Schamesröte nachlesen, der Dichterfürst hatte eine Schwäche für die Reize des weiblichen Geschlechts. Die Vergänglichkeit seiner Begierden aufgrund unzulänglicher Ereignisse wurde nicht selten zum Gleichnis in großen Dichtungen, ehe das Ewig-Weibliche ihn erneut hinan zog, um das Unbeschreibliche zu vollziehen. Im Gegensatz zum Verhaltenskodex der Weimarer Gesellschaft fragte Goethes Gefühl niemals nach Herkunft, Stand oder gar Vermögensverhältnissen einer Frau, sobald ein glühender Funke es in feurigen Brand versetzt hatte.
So geschah es, dass keine Geringere – oder müsste man besser sagen: So geschah es, dass die in den Augen der Gesellschaft geringe Christiane Vulpius sein Herz eroberte. Obwohl sie väterlicherseits über mehrere Generationen aus einer Akademikerfamilie stammte, wurde die Vulpius vom gehobenen Bürgertum verachtet. Man erzählte sich eifrig, dass ihr Vater aus dem Dienst des Amtsarchivars entlassen worden war, da man ihm Unregelmäßigkeiten angelastet hatte. Nach dem Tod der Mutter musste sich Christiane um den Haushalt und ihre sechs Geschwister kümmern, sowie eine Stelle als Putzmacherin in einer kleinen Manufaktur annehmen, um Geld für das Nötigste zu verdienen. Wer seinen Unterhalt durch das Fabrizieren von Hüten erwirbt, durfte sich von der Gesellschaft weder Anerkennung, noch Achtung, nicht einmal Respekt erwarten. Eine Freundschaft, mehr noch, eine Liebesbeziehung mit dem Dichterfürsten einzugehen, war ein Affront für das distinguierte Empfinden Weimars.
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Auf ein diskretes Zeichen ihrer Zofe Sophie stand Frau Schopenhauer auf und entschuldigte sich für einen Moment, um einen soeben eingetroffenen Gast zu begrüßen. Niemals zuvor hatte sich jemand bei Christiane entschuldigt, der ein Gespräch mit ihr unterbrechen musste und sie einfach stehen ließ! Doch nun ersuchte sie jene Dame, die mit Lord Nelson und Lady Hamilton, Friedrich Gottlieb Klopstock, Johann Heinrich Pestalozzi und all den berühmten Persönlichkeiten bekannt war, um Pardon, weil sie kurz den Raum verließ, da sie ihrer Aufgabe als Gastgeberin nachzukommen hatte!
Christiane konnte dem rasenden Lauf ihrer Gedanken nicht Herr werden. Wen mag Frau Schopenhauer empfangen haben? Hoffentlich nicht Frau von Stein. Wie sollte sie jener Dame begegnen, mit der ihr Mann jahrelang über all seine Werke und Dichtungen gesprochen hatte? Sie, die kein einziges Werk Goethes gelesen hatte, weil sie es nicht vermochte. Sie, die stets in ihrem Zimmer geblieben war, wenn Goethe in ihrem Haus Besucher empfing, und daher nicht wusste, worüber man sprach. Nun bereute sie, nicht daheim geblieben zu sein. Wie ein stechender Schmerz durchbohrte sie unaufhörlich die Frage, wie sie sich zu verhalten habe, wenn Frau von Stein, die Hofdame der Herzogin war, einträte? Sie vermutete, die Etikette verlangte, dass sie augenblicklich der höhergestellten Dame den Ehrenplatz überlassen müsse. Nie zuvor hatte sich Christiane durch ihr Mieder so eingeengt gefühlt. Sie spürte, wie ihr kalter Schweiß im Nacken stand.
Zum Glück konnte Christiane einen Schluck Tee trinken, um die bange Ewigkeit des Wartens zu überbrücken. Als sie die mit feinen Blumenkränzen bemalte Teeschale auf die Untertasse, die sie in der linken Hand hielt, stellte, erschrak sie über das laute Geräusch, welches sie dabei verursacht hatte. »Eine Dame«, durchfuhr sie ein Gedanke, der ihr Schamesröte in die blassen Wangen trieb, »versteht es, ein Gefäß langsamer und achtsamer aufzusetzen.« Besorgt blickte sie auf, um sich zu vergewissern, ob man sie auch tatsächlich mit Blicken der Entrüstung strafte. Doch niemand schien sie zu beachten und ihr so viel Bedeutung zu widmen, um sich von ihrer Ungeschicklichkeit während einer tiefsinnigen Konversation unterbrechen zu lassen. So durfte sie auch hoffen, man habe das Zittern ihrer Hände nicht wahrgenommen, das ein feines klappriges Klirren des Porzellans wohl jedem aufmerksamen Besucher verraten hätte. Rasch stellte sie die Tasse auf den Tisch, der gottlob mit einem Spitzenmilieu bedeckt war, sodass kein weiteres Geräusch entstehen konnte.
Da saß sie nun wie das personifizierte Unglück auf jenem dunkelrot gepolsterten Stuhl aus edlem Mahagoni, der schon so vielen bedeutenden Menschen Platz geboten hatte. All die gefeierten Dichter wie Herder, Wieland und Schiller, der einflussreiche Verleger Friedrich Bertuch, Carl Ludwig Fernow, der Bibliothekar der Herzogin Anna Amalia, die Schriftstellerin Bettina von Arnim, die Brüder Wilhelm und Friedrich Schlegel, Johann Gottlieb Fichte, der große Gelehrte Wilhelm von Humboldt sowie die Professoren der Kunst, der Antike, der Philosophie oder der Naturwissenschaften der Universität Jena, sie alle hatten verdienterweise auf diesem gepolsterten Stuhl Platz genommen. Sie wusste es nur zu genau, denn davon hatte Goethe ihr erzählt. Ihnen allen wurde an dieser Stelle Tee kredenzt. Sie alle hatten in diesem Raum etwas Bedeutendes zu berichten.
Doch was war ihr Verdienst einer Auszeichnung, für die Frau Schopenhauer riskierte, dass andere Gäste aufgrund ihrer Anwesenheit brüskiert dem Salon fernblieben? Dass sie Goethes Gemahlin war? Dass sie jenen Mann liebte, der in der Gesellschaft oft liebenswerter als daheim war? Dass sie all die Stimmungsschwankungen und Launen eines Genies mit Tendenz zum häuslichen Tyrannen ertrug? Dass sie für jenen Mann Verständnis zeigte, der tagelang Blumen und Tiere beobachtete, um alle Phasen des Lebens zu erforschen, aber sie alleine ließ, wenn sie unter Schmerzen seine Kinder zur Welt brachte? Dass sie es hinnahm, dass der berühmte Denker, der in all seinen Werken über die Höhen und Tiefen des Daseins philosophierte, sie kein einziges Mal auf den Friedhof begleitete hatte, als sie vier ihrer fünf unehelich geborenen Kinder beerdigen musste? – Das alles war doch kein Verdienst, sondern Selbstverständlichkeit, denn Christiane wusste, dass es die bedingungslose Liebe war, die ihre Welt im Innersten zusammenhält.
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