Eigentlich hatte Tobias keine Lust verspürt mitzukommen, als die übrigen Hirten beschlossen, zu den alten Höhlen unterhalb der Stadtmauer zu gehen, wo angeblich ein Kind zur Welt gekommen war. Doch alleine wollte der Bursche nicht zurückbleiben und als Spaßverderber schon gar nicht gelten. Es war spät, die Gegend wurde längst vom Schein des Mondes erleuchtet und müde, wie Tobias war, hatte er nur noch den Wunsch zu schlafen, denn der zu Ende gegangene Tag war selbst für ihn, mit seinen sechzehn Jahren, ein sehr anstrengender gewesen.
[...]
Nach beschwerlichem Aufstieg, der sich weit mühsamer als der Abstieg entpuppt hatte, war Tobias atemlos und erschöpft oben angelangt. Sobald er daran dachte, für welch kargen Lohn er eine ebenso anstrengende wie gefährliche und stets ungeachtete, unbedankte Arbeit verrichtet hatte, wurde er so wütend, dass er hörte, wie heftig, wie erbost sein Herz gegen seine Brustwand klopfte. Bei der Vorstellung, dass sich am nächsten wie an all den folgenden Tagen nichts an seiner Situation ändern würde, spürte er noch mehr Enttäuschung, Ausweglosigkeit und Verbitterung. Er hatte davon geträumt, in seinem Leben mehr zu erreichen, als fortwährend mit Schafen herumzuziehen.
»Soll das alles sein, was mir die Welt bieten kann?«, dachte er unentwegt.
In Momenten dieser inneren Leere wollte er am liebsten alleingelassen werden.
Daher war Tobias absolut nicht in Stimmung gewesen, des Nachts zu den Höhlen zu wandern, um dort nichts Interessanteres zu sehen als ein neugeborenes Kind. Er hatte sieben jüngere Geschwister und wusste somit, wie ein Säugling aussieht und vor allem, zu welch einem markdurchdringenden Geschrei hungrige Kinder fähig sind. Das Letzte, wonach ihm in diesem Moment verlangte, war ein brüllender Säugling.
Niemand vermochte zu sagen, ob es sich um einen Jungen oder ohnehin nur um ein Mädchen handelte. Ältere Hirten, die Nachrichten vor jüngeren geheim hielten, um sich wichtig zu machen, hatten angeblich getuschelt, Levi solle erzählt haben, dass ein Engel den Hütern von Isau, die auf der anderen Seite vor der Stadt Herden bewachen, erschienen sei und ihnen die Geburt eines ganz besonderen Kindes verkündet habe. Aber Levi, das wusste Tobias seit langem, war als Geschichtenerzähler verrufen – vor allem, wenn er zu viel getrunken hatte, was nicht ausgesprochen selten der Fall war. Es war auch allgemein bekannt, dass er gerne andere zum Narren hielt, um sich später über ihre Gutgläubigkeit lustig machen zu können. Warum seine Kameraden nichts Besseres vorhatten, als aufgrund einer Wichtigtuerei von Levi ein Kind aufzusuchen, mit dem sie absolut nichts zu schaffen hatten, war Tobias nicht nachvollziehbar. Aber wozu erklärt man sich nicht bereit mitzumachen, um dazuzugehören, ohne sich dazugehörig zu fühlen!
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