Niemals hätte sie gedacht, auch nur ersinnen zu können, je wieder zurückzukehren. Doch in Tagen des Umbruchs schwindet der dominierende Einfluss sämtlicher Vorstellungen auf das Handeln der Menschen, wodurch manche sich zu Taten gedrängt fühlen, die sie in Zeiten der Kontinuität für ausgeschlossen erachtet hatten.
Als Gwynevere vor dreizehn Jahren alles verlor, was sie bis dahin ausgezeichnet hatte, meinte sie, den irdischen Anteil ihres Erdendaseins bereits gelebt zu haben und nur noch in der Abgeschiedenheit eines unbedeutenden Klosters bei Glastonbury so lange ausharren zu müssen, bis ihr endlich die Gnade beschieden werden würde, sterben zu dürften.
Damals war sie neununddreißig Jahre alt. Von Merlin hatte sie gelernt, dass sich alles auf der Erde und somit auch das Leben der Menschen in dreizehnjährigen Zyklen entwickle. Entsprechend dieser Weisheit hatte sie, drei Mal dreizehn Lebensjahre hinter sich gebracht und schien in eine Phase gelangt zu sein, in der sie, trotz heftiger Bemühungen, nichts zu verändern vermochte.
Daher hatte sie die Flucht in die Welt eines Klosters, wo alles stets gleichzubleiben hat, wie eine Erlösung aus der Ohnmacht vor der Gestaltung des eigenen Lebens empfunden.
Nun aber hatte sie ein Alter von vier Mal dreizehn Jahren erreicht und schien unerwartet eine völlig neue weltliche Aufgabe erfüllen zu müssen. Offensichtlich hatte es ihre Seele geschafft, unübersehbare Zeichen zu setzen, die sie daran erinnerten, dass unser Leben mehr zu sein hat, als ein tatenloses Ausharren auf den Tod.
[...]
Allein wie würde sie sich nun in Camelot zeigen?
Wer zu Menschen zurückkehrt, die er über etliche Jahre nicht gesehen hatte, tut dies mit vollen oder leeren Händen. Je nachdem, ob er zur Schau stellen möchte, was er zu erwerben wusste, was er inzwischen sein Eigen nennen darf, oder worauf er gelernt hatte, zu verzichten. Er zeigt mit Stolz oder Demut, durch welches Maß an Mehr oder Weniger sein Leben während der Abwesenheit reicher geworden ist.
Obwohl Gwynevere einst die erste Dame im Land gewesen war, zierte ihre Hände nicht einmal mehr ein Ring.
Indes wie leer darf die Leere der Hände eines Menschen bei seiner Rückkunft sein? Verlangt die Situation der Wiederbegegnung nicht zumindest eine Gemütsregung, mit der man anderen seine Hand entgegenstreckt?
Konnte sie diese noch aufbringen? Wie hoch ist das Maß an Emotion, das man sich über Menschen bewahrt, aus deren Umgebung man geflohen war?
Sollten nicht im Laufe ihrer dreizehnjährigen Zurückgezogenheit alle Gefühle versickert sein, um mit leeren Erwartungen, neuen Begegnungen entgegenzublicken?
[...]
»Gehe der Zukunft«, hatte die Konviktvorsteherin eindringlich gesagt, »mit der Unbeschwertheit eines neugierigen Kindes entgegnen, und Du wirst mit Neuem beschenkt werden. Besuche Deine Vergangenheit mit der Weisheit Deines eigenen Lebens, und sie wird Deine Wunden heilen.«
Doch was sollte Gwynevere in dieser Situation mit den Worten der alten Frau anfangen? Wer lehrt uns, Weisheiten anzuwenden, wenn wir in der Ratlosigkeit unserer Gefühle gefangen sind?
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