Seine Hände waren die Hände eines Mannes, der wohl mehr erlebt hatte als jeder andere seiner Zeitgenossen. All jene wenigen Auserwählten, die ihn kannten, denen er offen begegnete, die wirklich wussten, wer er war, welche Grenzen er zu überschreiten gewagt, welche unerforschten Gebiete er erkundet hatte, werden dies bezeugen.
Respektlos gegenüber der Außergewöhnlichkeit des Werks, das diese Hände geschaffen haben, hatte sich die Gicht bis in die äußersten Gelenke der Finger gefressen und dennoch vermochte der stechende Schmerz, den die Krankheit hervorrief, ihnen nichts anzuhaben, was ihren Schaffensdrang ernsthaft behinderte.
In stoischer Gelassenheit hatte er sich daran gewöhnt, dass seine schmalen Handgelenke an manchen Tagen sichtbar mehr angeschwollen waren und heftiger schmerzten als an anderen. Längst hatte er es ebenso aufgegeben nach einer Ursache dieser permanenten Veränderungen seiner Befindlichkeit zu fragen, wie er seit vielen Monden die übelriechenden Salben, welche sein lästiger Arzt ihm verordnet hatte, nicht mehr auf die gerötete Haut auftrug, denn er orientierte sich an der Erkenntnis, wer ein hohes Alter erreicht hat, sei bestrebt, mit der Zeit, die ihm noch verbleibt, um auf Erden zu leben, achtsam und sinnvoll umzugehen. Wozu sollte er die Kostbarkeit wertvoller Minuten seiner zur Neige gehenden Tage verschwenden, um ärztliche Anordnungen auszuführen!
Sein Weg war es, Schmerzen als etwas anzunehmen, das zu seinem Leben gehörte, das ihn permanent triumphierend daran erinnerte, dass er noch am Leben war.
Vielleicht war gerade diese körperliche Pein der Grund, weshalb er die ihm gewährte Zeit noch mehr zu nutzen trachtete als je zuvor. Vielleicht waren gerade diese Qualen der Grund, weshalb er die immer schwächer werdende Kraft seine Finger gebrauchen wollte, nutzen wollte, um aufzuschreiben, was nicht verloren gehen sollte.
Seit – neunundvierzig Jahre lag dieses Ereignis zurück – die Schraube eines rohen Folterknechts sich in den mittleren Finger seiner rechten Hand gebohrt hatte, war dieser regungslos zur Seite gekrümmt. Und gerade jener Finger, dieser lahme Zeuge seiner tragischen Vergangenheit, war es, dem die Auszeichnung zu Teil wurde, einen Ring zu tragen, den ihm die höchste Monarchin auf Erden mit den Worten »My noble inteligencia« verliehen hatte. Jenen Augenblick der huldvollen Auszeichnung als sie, der ihr Stand als Supreme Governor der Kirche von England gebot, sich nicht einmal der Autorität des Papstes zu beugen, vor ihm ihr königlich gesalbtes Haupt anerkennend neigte, hatte er nicht vergessen.
Seither trug er diesen in Gold gefassten Rubin als solle er seinem Besitzer, mehr noch der Welt, beweisen, dass keines Menschen Schraube so mächtig, so perfide geschmiedet war, um Doktor John Dee, den Berater und Hofastrologen ihrer Majestät, Königin Elisabeth I. von England und Irland, der Tochter Heinrich VIII., zu durchdringen.
So selbstbewusst er es verstand, diesen Ehrenring der Tudor-Königin zu tragen, so sehr beschäftigten ihn immer wieder Gedanken, die ihn mahnten, nicht der Gefahr zu erliegen, sich von seinen ruhmvollen Taten, akademischen Titeln und Auszeichnungen in eine selbstverliebte Verblendung verführen zu lassen, sondern das Feuer des Rubins als mahnende Erinnerung daran wahrzunehmen, dass er in erster und einziger Linie geboren worden war, um dem Ruf seiner Seele gerecht zu werden. Niemandes Seele, das war ihm gewiss, drängt ihre Hände, Äußerlichkeiten wie weltliche Ehrenbezeichnungen zu erwerben.
Obwohl sich die Poren seines rechten Zeigefingers und Daumens von der Tinte, die während der letzten sieben Jahrzehnte nahezu täglich über sie geflossen war, schwarz verfärbt hatten, vermittelten seine Hände pure Reinheit. Nichts schien diese Hände, die sich niemals gescheut hatten, selbst Wegen des Dunklen und Verwegenen zu folgen, wenn es etwas zu erforschen galt, jemals wieder beschmutzen zu können.
So sehr die Haut, von den zahllosen ätzenden Substanzen, die diese Hände in die Potte der Alchemie gegossen hatten, um bekannte wie unbekannte Elemente zur Reaktion zu bringen, vernarbt war, ebenso sehr schien sie gegenüber allen nur denkbar möglichen Angriffen unverwundbar geworden zu sein.
Das feine Zittern, dem keiner der Ärzte, die sich darum bemühten, Einhalt zu bieten vermochte, konnte seine Hände nicht abhalten, geradlinig zu handeln. Zweifelsohne dieses Zittern war es, das den Händen Leben verlieh, das jedem, der sie betrachtete ankündigte, dass sie noch lange nicht geneigt waren, ihr Werk für immer zu beenden.
Diese Hände waren es, diese treuen Begleiter, die ihm auch dann nicht ihren Dienst versagten, wenn er von allen übrigen Freunden verlassen, verstoßen, verleugnet wurde. Diese Hände waren es, die ihm unentwegt halfen, das begreiflich zu machen, was weder Verstand noch Instinkt ihm zu erklären vermochten. Er war ihnen dankbar, denn er wusste nur allzu gut, dass seine Hände ihm als Instrumente gegeben waren, um zu erfassen, was bis Dato unenthüllbar galt.
Obwohl seine Hände seit Jahren zu schwach waren, die Menschen seiner Zeit zu erreichen, streckte er sie kraftvoll aus, um nach künftigen, seiner Erkenntnisse würdigen Generationen zu langen. Während ihm gegen Ende eines langen Erdenlebens nahezu alles Weltliche entglitten war, schien er die Sterne fest in seinen Händen zu halten, als wären sie nichts Anderes und schon gar nichts Ferneres als Steine im Hofe seines Hauses.
Diese Hände, die so oft gewaltsam gebunden waren, vermochten selbst im hohen Alter nicht zu begreifen, was anderer Menschen Hände so schnell begrenzen, abgrenzen und ausgrenzen konnte. Grenzen – was waren sie ihm! Hände, die gewohnt sind, die Phänomene des Diesseits wie des Jenseits zu ertasten, die überall gleichermaßen beheimatet sind, haben keinen Bezug zu Begrenzungen, zu Gegensätzen, zu vermeintlichen Unvereinbarkeiten.
All die zahllosen Arbeiten, die seine unermüdlichen Hände verrichtet hatten, haben ihm geholfen zu der Einsicht zu gelangen, dass es prinzipiell keine Grenzen und somit keine Widersprüche gibt, denn alle Werte, Eigenschaften oder Beschreibungen, die den Verblendeten, spirituell Unkundigen konträr und unvereinbar erscheinen, sind lediglich differenzierte Ausprägungen der gleichen Grundqualität.
Unterscheidet Ost und West, scharf und stumpf, Mut und Angst oder gar Liebe und Hass mehr als der augenblickliche Ausschlag eines unentwegt schwingenden Pendels auf ein und derselben – von Menschen Hand geschaffener – Werteskala? Er wusste, dass der Seefahrer so lange Kurs nach Osten hält, bis er aus Westen heimkehrt. Vor seinen Studenten hatte er demonstriert, wie ein Stein die Klinge eines Messers zu stumpfen oder zu schärfen, zu schärfen oder zu stumpfen vermag. Die Erfahrung, wie grenzenlos rasch der Mensch Mut in Angst, Angst in Mut und Liebe in Hass, Hass in Liebe verwandelt, überließ er jedem selbst zu machen. Sein Leben hatte ihn gelehrt, dass Grenzen jeglicher Art nur in den Gedanken der Menschen als Illusionen entstehen.
Entsprechend seiner Vorstellung und Erkenntnis der Dinge hatte er Begriffen wie „Differenzen“ oder „Grenzen“ deren unüberwindbare Bedeutung entzogen.
Von seinen Zeitgenossen hatte er für diese Geisteshaltung nur wenig Verständnis empfangen – im Gegenteil, er musste erfahren, dass ein Mensch, der ehrlich bestrebt ist, durch sein Denken und Handeln die Trugbilder der Polarität aufzuheben, mehr Polarität auslöst als jene, die kompromisslos auf die vermeintliche Richtigkeit und Absolutheit ihrer begrenzenden Sichtweisen bestehen. Gegen nichts richten und verbünden sich so viele Hände wie gegen Hände, die bemüht sind, alles entweihte – weil entzweite – zusammenzuführen.
Obwohl es Doktor Dee bei weitem nicht immer gelungen war, seinen eigenen Idealen treu zu bleiben, hatte er dennoch stets den Preis, seinen Weg der Grenzenlosigkeit unbeirrt weitergehen zu können, bereitwillig bezahlt.
Für ihn waren sämtliche Unterschiedlichkeiten vereinbar, seit er erkannt hatte, dass die gesamte Schöpfung mit all ihren grobstofflichen wie feinstofflichen Bereichen, mit all ihren sichtbaren und unsichtbaren Aspekten der gleichen gemeinsamen Quelle entstammt und somit allen Einzelerscheinungen und Phänomenen des Universums die gleiche, vereinende Qualität zugrunde liegt. Mehr noch: Dass alles, was jemals geschaffen wurde und noch im Entstehen ist, untrennbar durch die gleiche Energie verbunden ist.
Sein italienischer Freund Giordano Bruno hatte es ebenso standhaft wie furchtlos gewagt, diese Energie als eine universelle Kraft, die allen Dingen innewohnt, zu beschrieben, ehe er von der Inquisition zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde.
Zeitlebens war Master Dee bestrebt gewesen, diese alles und alle verbindende Grundschwingung, diesen Uratem der Schöpfung zu erforschen. In diesem Sinne war ihm jede Quantität nicht mehr als eine momentane, vom Individuum betrachtete, gemessene Größe, die so lange einem permanenten Wandel unterliegt, bis sie in der wiedergefundenen Einheit aller sichtbaren und unsichtbaren Phänomene ihre ewige Ausgeglichenheit erreicht.
Er ahnte, dass die Illusion der Trennung und die sich daraus entwickelte in die Irre führende Polarität erst dann entlarvt werden, wenn die alles auseinanderziehende Zeit in der Zeitlosigkeit vergeht. Wenn Alpha und Omega zu dem verschmelzen, was sie immer waren und das Pendel der Zeit zu Stillstand kommt. Erst wenn sich die Zeit in sich selbst aufgelöst hat, werden die Illusionsmauern, die Grenzen durch die Einheit gezogen haben, zerbersten.
Der Gelehrte gab sich nicht der Hoffnung hin, dieses Ereignis werde, wie der Beginn eines neuen Jahres, von den Glocken der Abtei zu Sankt Paul eingeläutet. Doktor Dee war überzeugt, dass die Zeitlosigkeit jeder Mensch Kraft seines wachsenden Bewusstseins in sich zu suchen und zu finden habe. Der Schlüssel hierzu liegt wohl in der Kunst, alles Trennende im Alltag zu vereinen und die Schöpfung in ihrer Ganzheit zu erkennen.
Folglich war er unermüdlich bestrebt gewesen, Höhe und Tiefe ebenso zu vereinen wie Kälte und Hitze. Seine Hände hatten ihn gelehrt, die Frostbeulen, die sie vom russischen Winter davongetragen haben, mit all den Brandnarben, die sie beim Schmelzen von Metallen erlitten haben, zu einen. Nichts wollte er ausgrenzen, auf nichts wollte er verzichten müssen. Er liebte die Kälte ebenso sehr wie die Hitze seit er beide – wie alles Übrige, was auf Erden zu erfahren war – in sich zu vereinen wusste oder zumindest bestrebt war, es zu vollbringen.
So empfand der Gelehrte auch in diesem Moment: Während die linke dieser beiden Hände des Widerspruchs – der aber in sich kein Gegensatz war, weil jener, der sie befehligte, das Wesen des Antagonismus Kraft seines Bewusstseins aufgelöst hatte – von der Kälte der großen Kristallkugel, an die sie sich anhielt immer kühler wurde, begann die rechte auf Grund der rastlosen Schreibbewegungen, die sie über das raue Papier führten, von Minute zu Minute mehr zu glühen. Für Doktor Dee mag es keine unangenehme und schon gar keine außergewöhnliche Situation gewesen sein, dass zur selben Zeit das Blut in einer Hand vor Kühle nahezu zu erstarren schien, während die Wärme der anderen es stetig heftiger zum Pulsieren brachte.
Es war als könne seine Hand nicht innehalten, als dürfe sie im Schreibfluss nicht pausieren, als wäre sie von einer unsichtbaren Macht getrieben. Selbst wenn der letzte Tropfen Tinte aus dem Federkiel geschrieben war und dieser erneut in die hölzerne Schale mit schwarzer Flüssigkeit getaucht wurde, schien es, als gleite seine Hand ohne Unterbrechung über das raue Paper. Es machte den Eindruck als wäre es direkt seine Hand und nicht der zugespitzte Kiel einer Adlerfeder, aus der die Worte auf die Blätter flossen.
Was der innere Blick seines Bewusstseins in höchster Klarheit sah und mit unbezwingbarer Macht der gichtgeplagten, folgsamen Hand diktierte, vermochten die überstrapazierten Augen, die ihm so treu gedient hatten, um die äußere Hälfte seiner Welt zu erschauen, kaum mehr zu entziffern. Die zunehmend stärker werdende Sehschwäche bekümmerte ihn nicht, denn seine Hand hatte bereits so viel zu Papier gebracht, dass es ihm auch nicht schwergefallen wäre, im Zustand der völligen Erblindung zu schreiben.
So klar dem Schreibenden der tiefere Sinn seiner Worte war, so sehr mögen jene verzweifeln, denen die Weltanschauung des alten Mannes verborgen ist. Doktor Dee war bewusst, wie sehr das Lesen seiner Zeilen beim spirituell Unkundigen dessen Verwirrung und geistige Dunkelheit verstärken werde. Obwohl er an den zahlreichen Universitäten seiner Lehrtätigkeit bestrebt gewesen war, sich sprachlich dem Niveau seiner Studenten anzupassen, bemühte sich der Magister längst nicht mehr, so zu formulieren, dass jeder seine Worte verstehen konnte.
Nur mit dem Kundigen, dem Eingeweihten, jenem, der willens war, sich zumindest gedanklich über die Grenzen des noch Undenkbaren zu bewegen, war er bereit, seine Erkenntnisse zu teilen. Er war es leid geworden, aus seinen Worten Zugbrücken zu bauen, die sich vor jedermann niederbeugten, um den Weg in sein Innerstes freizugeben.
[...]
»Deshalb«, fuhr Master Dee fort, »entschloss ich mich, die Bibliothek in Löwen mit all ihren wertvollen Aufzeichnungen der großen Alchemisten zu verlassen und ins heimatliche London zurückzukehren.«
»Ihr zeigtet Mut!«, bewunderte der Student.
»Ob Mut oder Neugierde mich zur Heimreise bewogen hat, vermag ich nicht zu unterscheiden. Bestimmt, darüber gibt es keinen Zweifel, wäre mein Leben bequemer verlaufen, hätte ich mich damals entschieden, in der Sicherheit, die Löwen uns Alchemisten bot, zu bleiben. Aber was zählen Bequemlichkeit und Sicherheit, wenn eine innere Stimme dich auffordert, mehr aus deinem Leben zu machen, als eines Tages ein schrulliger Professor der Universität Löwen zu werden. Dein Leben bietet dir stets das, wozu du es herausforderst!«
Doktor Dees Lachen überraschten den Burschen, denn er hatte nicht erwartet, dass ein alter Mann noch so verwegen zu lachen vermag.
»Offensichtlich«, fuhr er mit einem unüberhörbaren Ton der Genugtuung fort, »forderte ich mein Leben sehr heraus!
Bereits die Vorzeichen der Überfahrt nach England brachten mich an die Grenzen des Erfahrbaren. Im Kanal geriet das Schiff in einen Sturm von ungeahnter Heftigkeit. Da erfuhr ich einer völlig neuen Bedrohung zu begegnen. Es waren keine kreischenden Weiber, nicht einmal Richter, die mich als Hexenpriester verklagten, die Natur selbst war es, die nach meinem Leben trachtete. Dieser Gewalt, wenn die Natur nach deinem Leben greift, stehst du machtlos gegenüber, weißt du dich nicht, mit deiner zu verbinden.«
»Wie meint Ihr das?«, unterbrach der Bursche.
»Zunächst, als die Meereswogen unser Schiff immer stärker zum Schwanken brachten, begannen die Menschen an Bord leise zu beten. Da sie merkten, dass sich durch ihre Litanei der Sturm nicht beeindrucken und schon gar nicht besänftigen ließ, gerieten viele in Panik und schrien anfangs nach der Heiligen Jungfrau, später, nachdem die Verzweiflung noch größer geworden war, nach ihren Müttern. Am Ende kauerten sie sich zusammen und wimmerten: „Wir sind verloren!“
Etwas wies mich an, von diesen Menschen zurückzuweichen. Mir wollte, beim besten Willen, kein Gebet über die Lippen kommen. Ich verstummte – vielleicht, weil ich nicht wusste, wen ich anrufen sollte. Von meiner Mutter, die im fernen England nichts von meiner Seenot wusste, erwartete ich in dieser Situation wenig Hilfe und auch die heilige Jungfrau vermutete ich nicht nahe und stark genug, um mich aus den Fluten des Kanals ziehen zu können. Plötzlich spürte ich die Nägel eines alten Mannes sich in meinen Arm bohren. „Wir sind verloren!“, keuchte er mir unter Tränen zu. Es bedurfte keiner großen Anstrengung, ihn von mir zu reißen. Eine Welle hob das Schiff empor und er kollerte wie ein lebloser Gegenstand auf die gegenüberliegende Seite des Decks. Ich blickte ihm nach, wie man jemanden nachblickt, der sich aufgegeben hat, der sich entschieden hatte zu verlieren, noch ehe er verloren war. Als das Schiff abermals von den Wassermassen hochgehoben und jäh gesenkt wurde, verlor er seinen letzten Halt und wurde ins Meer geworfen. Entsetzt kreischten jene Reisenden, die sein Unglück beobachtet hatten auf, dann folgte das Gewimmer noch eindringlicher: „Wir sind verloren!“
Mir war das Gejammer, „Wir sind verloren!“, unheimlicher als die wütende See, denn in diesem grässlichen Choral „Wir sind verloren!“ empfand ich einen gefährlicheren Abgrund als in den Tiefen des Ozeans. Sonderbarerweise fügte meine Todesnähe, dass ich mich im selben Augenblick klein und stolz, ohnmächtig und mächtig wahrnehmen konnte. In mir bäumte sich etwas auf und wies mich an, den Teil der Machtlosigkeit nicht zu akzeptieren. Ich war nicht bereit, mich selbst aufzugeben oder was noch schlimmer gewesen wäre, mich selbst verloren zu sehen.
Ein grässliches Getöse – mehr vernimmt man nicht, wenn dein Gefährt gegen das Verderbern schrammt. Verzweifelt umklammerst du irgendwelche Planken deines am Riff zerborstenen Schiffs und kannst nur warten … warten … warten, ob dich der Ozean gierig verschlingen oder sich dir gnädig erweisen wird.
Je weniger ich meine Hände spürte, weil der Schmerz des Krampfes sie betäubt hatte, umso mehr wusste ich, dass sie allein es sind, die mich an das rettende Brett zu binden vermochten.
Ich erhielt die Gewissheit: Das Leben liegt tatsächlich in unseren Händen. Diese Weisheit anzuerkennen, lehrte mich die Todesangst.
Plötzlich fühlte ich, wie die Zeit mit einem Male stehen blieb. Mitten im größten Getöse des Meeres, im Gebrüll der Ertrinkenden, hörte die Zeit, wie ich sie wahrnahm, auf zu fließen … als ginge sie das alles nichts mehr an. Als wollte sie nicht bei dieser Sache sein. Neutral, ja unbekümmert, ungerührt verstummte sie. Die Zeit selbst hatte sich zurückgezogen! Aufgelöst! Griff nicht mehr in den Lauf der Geschehnisse ein.
Niemals zuvor fühlte ich mehr Willen zu leben als in jener entrückten Zeit. Die Zeitlosigkeit war es, die mich meiner eigenen Macht ermächtigte, die mich auf mich selbst zurückwarf. Da fand ich zum Wesen meines Wesens zurück. Aufbegehrend wollte ich, gegen den Stillstand der Zeit: Zur Wehr zu setzen war mein Ziel! Meine Kraft zu überleben bezog ich aus dem Entschluss, die mir verstummte Zeit wachzurufen und erneut in Gang zu setzen. Das war es, das mich am Leben hielt. Nichts um mich erschien mir wichtig, die Gefährten starben in nächster Nähe, ohne dass ich es merkte. Allein war ich mit mir in der Agonie der zeitlosen Zeit.
Da spürte ich, dass die Schwelle zum Ertrinken von mir allein überschritten werden musste, dass es lediglich mein Entscheiden … Mein „ich will nicht“ stand gegen mein „ich will“ … So simpel ist das Leben.«
Der Student starrte ergriffen ins Leere. »Unglaublich … Ihr habt nur überlebt, weil Ihr Euch entschieden hattet zu leben«, murmelte er gedankenversunken.
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