»Puer natus est!«, intonierten die aneinandergedrängt sitzenden Benediktinerinnen im Refektorium, dem einzigen Saal des Klosters, den man beheizen konnte. Der Weihnachtshymnus klang nicht annähernd so frohlockend, wie es dem Anlass des hohen Festtages entspräche, denn man vernahm im Ausdruck des Gesangs jene bedrückende Beklommenheit, die sich in der neuen Ansiedlung am Rupertsberg ausgebreitet hatte. Selbst die hohen Steinmauern des Raumes, die noch unbemalt das Deckengewölbe trugen, ließen nicht – wie gewöhnlich – den Klang der Lobpreisung widerhallen, sondern schienen verschlucken zu wollen, was nicht angemessen war, das Geburtsfest Jesu zu verkünden. Das kläglich zitternde Vibrato in den zaghaften Stimmen der Ordensfrauen war nicht so sehr auf die unbarmherzige Kälte, mit welcher der Winter das Land um Bingen zu erstarren drohte, zurückzuführen, als auf die Sorge um die Gesundheit ihrer Äbtissin, die sie seit vier Tagen nicht mehr gesehen hatten.
Für die verstörten Schwestern bestand kein Zweifel: Allein an ihr, der weit über die Landesgrenzen hinweg berühmten Visionärin, Mystikerin, Theologin, Ratgeberin, Heilerin, Naturforscherin, Autorin gefragter Werke zu spirituellen, naturwissenschaftlichen und weltlichen Themen, der Komponistin und Klostergründerin, der Magistra Hildegard hing der Fortbestand des neu gegründeten Konviktes.
Nur Schwester Richardis, die selbstbewusste Tochter der einflussreichen Markgräfin von Stade, durfte als ihre engste Vertraute die Klostervorsteherin in deren bescheidenen Klause besuchen. Lange genug war sie bei der Magistra in die Lehre gegangen um zu wissen, welche Heilkräuter und Edelsteine einen geschwächten Körper bei der Genesung unterstützen und dem Erkrankten helfen, wieder in Einklang mit der Natur gelangen. Täglich spielte die junge Frau am Bett der Oberin auf dem Psalterium, denn Hildegard hatte ihr vermittelt, dass auch der Musik jene Kraft innewohnt, die Leidende beflügelt, die Wunden des Körpers wie der Seele zu heilen.
Um die Mitschwestern nicht zu beunruhigen, hatte Richardis gelobt, Verschwiegenheit über die Ernsthaftigkeit des Zustandes der Äbtissin zu bewahren. Aber überall dort, wo man um Stillschweigen bemüht ist, nährt man jenen Boden, aus dem Gerüchte wie Unkraut emporschießen. Immerhin – genau vermochte es niemand zu sagen – sollten der Ordensoberin nur noch wenige Jahre bis zur Vollendung ihres sechsen Lebensjahrzehnt fehlen, wodurch jede Erkrankung eine Bedrohung höchsten Ausmaßes darstellte.
[...]
Der Schein der Wachskerze flackerte in der rußgeschwärzten Wandvertiefung und warf den Schatten der Mauerkante in unregelmäßigen Formen und Abständen an die Decke der Klause. Das Schicksal der Flamme schien von der Heftigkeit des Luftzugs – der sich von den Stoff- und Stroh-Knäuel, die man in die Maueröffnungen gestopft hatte, nicht zurückhalten lies, in den Raum zu wehen – abhängig zu sein. Müden Auges beobachtet Hildegard den Kampf des schwächelnden Lichtes gegen den übermächtigen Eindringling aus der Kälte.
Der Äbtissin fehlt die nötige Kraft aufstehen zu können, um die Mauerspalten besser zu verdichten, den Raum, das Licht und sich selbst zu schützen, sich abzugrenzen vor dem, was sie bis in ihr Innerstes zum Erzittern brachte. Die Flamme wird ausgehen, sobald das Wachs der Kerze vollends heruntergebrannt ist, doch sie soll nicht eher erlöschen, sie soll nicht der Gewalt des Windes weichen, bevor sie all das vollbracht hat, wozu sie fähig ist.
»Wieviel Macht darf man jenen geben, die uns nichts Gutes wollen?«, durchfuhr die Magistra ein Gedanke, der ihren Geist nicht mehr loszulassen wolle.
[...]
Hildegard musste sich zum ersten Mal in ihrem Leben zwischen einem Weg der unbeirrbaren Spiritualität und der wirtschaftlichen Vernunft entscheiden. Sie wusste sich im Recht, doch schreckte sie davor zurück, sich dieses Recht mit allen Mitteln, die ihr offenstanden, die man ihr empfahl, zu holen.
Sollte sie für ihr weltliches Recht kämpfen, um wirtschaftlich als Ordensoberin reüssieren zu können oder musste sie als Mensch ihrem spirituellen Weg treu bleiben, der mit diesem Kampf nicht vereinbar war?
»Liber Scivias« – »Wisse die Wege« war ihr berühmtestes Buch, das unentwegt im Skriptorium kopiert und in nahe wie ferne Städte geschickt wurde, doch sie wusste nicht, welchen Weg sie nun zu gehen hatte.
[...]
Im Augenblick wusste Hildegard, was mit ihr geschehen war. Ihre Erkrankung war die Lähmung des Geistes wie die des Körpers – war ein Hilfeschrei ihrer Seele. Ihr Zweifel, all den Aufgaben gewachsen zu sein, all die Korrespondenzen, Kompositionen und Abhandlungen verfassen zu können, den Klosteraufbau wieder aufnehmen zu können sowie für all die Suchenden die richtigen Worte des Trostes und der Neuorientierung auf den Weg des Lichtes zu finden, hatte sie selbst gegenüber der nährenden Quelle verschlossen gemacht. Es war diese unselige innere Stimme, die immer wieder und während der letzten Tage nahezu ständig ihr das Gift des Zweifels in den Geist gelegt hatte. Hatte sie selbst durch angsterfüllte Gedanken diesem Dämon des Zweifels geschaffen, der nun so mächtig geworden war, dass er sie bezwingt und ihre Lebenskraft aussaugte? Ein lästiger, selbstgeschaffener Parasit, den sie nährte anstatt zu vertilgen!
[...] >