Ursprünglich hatte sie geplant, den Gelehrten in seinem Studierzimmer aufzusuchen, doch nach dem Mittagsmahl änderte sie dieses Vorhaben, denn sie fühlte sich nicht in Stimmung, über die Unordnung, in der sich seine Räumlichkeiten wohl befanden, kommentarlos hinwegzusehen.
Gewiss lagen in seinem Arbeitsraum auf Tischen wie am Boden überall aufgeschlagene Bücher, zerknitterte Manuskripte, unfertige Skizzen und jede Menge Zirkel, Messgeräte ja sogar Astrolabien achtlos umher. Selbst seine unüberschaubare Sammlung an Fläschchen mit Pulvern und Tinkturen war wohl nach wie vor über alle Schränke wahllos verteilt.
Bei ihrem letzten Besuch musste sie sich eisern beherrschen, nicht anzufangen, umgefallene Gefäße aufzustellen. Ihn schien es nicht einmal zu stören, wenn das eine oder andere Glas umgestoßen und sogar eine Flüssigkeit ausgelaufen war. Zwar vermochte er stets, das verwunderte sie am meisten, augenblicklich zu finden, wonach er suchte, doch für sie, die großes Interesse an all diesen geheimnisvollen Kostbarkeiten hatte, war es unverständlich, weshalb er kein angeborenes Bedürfnis zeigte, seine Schätze nach irgendeinem Ordnungsprinzip aufzubewahren.
Als wäre das Chaos in seinem Studierzimmer noch nicht genug, musste man ferner damit rechnen, dass über stark rußenden Kerzen Retorten hängen, aus deren Öffnungen übelriechende, wahrscheinlich sogar giftige Nebelschwaden in den Raum paffen.
Ein räumliches Desaster, das fühlte sie, würde das Feuer ihrer Nervosität nur noch mehr anfachen und sie dazu bringen, ihn früher oder später deshalb zu tadeln.
Immerhin hatte sie ihm neben einem stattlichen Lohn auch noch zwei Burschen zu seiner Bedingung bewilligt. Da diese joviale Investition absolut nichts am Aussehen seiner Unterkunft ändere, unterließ sie jede weitere Bemühung einer ebenso verspäteten wie wohl auch vergeblichen Erziehung. In ihrer Umgebung gab es sehr viel, das sie verändern wollte, aber das Kunststück, einen bald sechzigjährigen Mann der Wissenschaft zur Ordnung zu drängen, befand sich nicht unter ihren Prioritäten. Eine ihrer großen Stärken war, rasch zu erkennen, wo sie wenig zu erreichen vermochte und sich den Anschein zu geben, es läge ihr absolut nichts an dieser Belanglosigkeit.
Und im Grunde war dieser Mann, ob er nun bei Hof das Gewerbe eines Gelehrten, Astronomen, Apothekers oder Arztes betrieb, nicht mehr als ihr Bediensteter. Ein kapriziöser Bediensteter, der erfahrungsgemäß sein Wissen nur dann in klar verständlichen Worten preisgab, wenn er dazu in Laune war. Da sie an diesem Tage seines viel gerühmten Weitblickes bedurfte, wollte sie nicht riskieren, diesen zu limitieren indem sie Kritik, berechtigte Kritik an seiner Ohnmacht gegenüber seinem eigenen Chaos übte.
Niemand hatte sie zu ihrem Hang zur Ordnung erzogen, diese Eigenschaft war ihr offensichtlich in die Wiege gelegt worden. Ein aufgeräumter Tisch war für sie ein Hinweis, dass man seine Arbeit nicht nur verrichtet hatte, sondern auch Klarheit geschaffen war. Sie konnte der alten Weisheit, wonach jeder äußeren Ordnung eine innerer folge und jede innere Ordnung eine äußere bewirke, viel abgewinnen.
Ihr, vor weniger als zweieinhalb Jahren verstorbener Gemahl König Henri II. von Frankreich hatte weniger Sinn für diese Sicht der Welt. Er meinte, Ordnung entstehe, indem man mit eiserner Faust Kriege führt und mit der royalen Überheblichkeit des Siegers Bündnisse zu seinem augenblicklichen Vorteil schmiedet.
Allzu oft war sein Handeln nicht von staatspolitischen Strategien geführt, sondern unübersehbar von dem Wunsch getrieben, seine Mätressen glücklich zu wissen. Diese Großherzigkeit hatte dem Land Unsummen gekostete, denn am meisten erfreute es die Damen, wenn der verliebte König ihnen Schlösser mit Ausblick an die Loire oder zumindest Juwelen zu Füßen legte.
Wen mochte es wundern, dass nach dem Tod dieses generösen Monarchen die Verschuldung der Krone das Fünffache des jährlichen Steueraufkommens betrug. Sollte Henri diese Details der finanziellen Situation seines Reiches gewusst haben, so hätte er die wirtschaftliche Katastrophe in Anbetracht des Liebreizes eines kurzen Lächelns seiner Auserwählten für mehr als gerechtfertigt empfunden.
Seine Witwe sah pekuniäre Angelegenheiten definitiv anders. Denn sie entstammte einer Kaufmannsfamilie. Denn sie musste und wollte zeitlebens beweisen, dass auch eine Frau imstande sei, die Geschäfte der Männerwelt zu führen. Denn sie war gesalbte Königin von Frankreich und seit dem Tod ihres Mannes Regentin. Denn – und das prägte ihr Handeln wohl am meisten – sie war Mutter und wollte die Krone der Valois vor allen Feinden verteidigen, bis ihr minderjähriger Sohn sie alleine tragen konnte.
Ihre Widersacher, und davon gab es in Frankreich wie in Europa genügend, sahen all diese Beweggründe, die hinter ihren Entscheidungen standen, nicht. Denn in ihr sah man nur die emporgekommene, kuhäugige Florentinerin, die machtbesessene, papsttreue Caterina de Medici.
[...]
»Meister Nostradamus«, begann sie zögerlich, »ich spreche zu Euch als Patientin zu einem Arzt.«
Der Gelehrte verstand sofort das Gemeinte. »Madame, Ihr könnte Euch meiner Verschwiegenheit gewiss sein. Womit darf ich Euch dienen?«
»Befreit mich von meiner Angst.« Rasch starrte sie zu Boden, um der Gefahr zu entgehen, sein Blick könne den ihren treffen. Es genügte, wenn er hörte, was sie so sehr quälte. Sie musste ihm nicht auch noch über ihre Augen Einblick in die Tiefe ihrer beunruhigten Seele gewähren.
Nostradamus richtete sich erstaunt auf. Mit vielem hatte er gerechnet, doch nicht mit diesem Anliegen. Denn nie zu vor war die Königin, die ihn seit einigen Jahren immer wieder um Rat gefragt hatte, jemals so persönlich an ihn herangetreten.
»Madame«, erwiderte der alte Mann mit väterlich beruhigendem Ton, »Ihr seid die Erbin der Medici und als Regentin Frankreichs die mächtigste Frau Europas, wohl auch der gesamten Erde. Verzeiht, wenn ich frage, wovor jemand Eures Standes Angst haben sollte?«
Caterina de’ Medici verhielt sich, als hätte sie diese Frage einer Antwort nicht gehört und verstummte. Sie, die alles so präzise geplant hatte, war soeben mit einer geschickten Gegenfrage abgekanzelt worden. Obwohl sie ihn schon so lange kannte, brachte er es immer wieder zu Stande, sie vor die Frage zu stellen, was sie von ihm halten solle. Zu gerne hätte sie gewusst, ob er Astrologe ihr schmeicheln wollte? Vielleicht war er bei Weitem nicht so weise, wie sie gedacht hatte? Seine Bücher wurden nicht nur in Frankreich gelesen, sondern sogar ins Deutsche übertragen, um auch in Deutschland gedruckt zu werden. Aber vielleicht wusste er wirklich nichts und war nur ein verwegener Scharlatan, der mit raffinierten Worten die Menschen glauben macht, er sei ein großer Gelehrter? War er tatsächlich so verschlagen, wie viele behaupteten? Doch sie, die sie so viele Wissenschaftler an den Hof geholt hatte und zahlreiche aufgrund ihrer falschen Lehren hinauswerfen musste, hatte mit ihm stets gute Erfahrungen gemacht. Er vermochte, und das hat weltweit noch niemand zustande gebracht, eine Medizin zu mischen, die Pestkranke geheilt hatte. Seine Ratschläge haben sie stets zu richtigen Entscheidungen bewogen. Gewiss kannte man in Frankreich, Gottlob, nicht alle Details ihrer Kindheit, doch sie hatte allen Grund anzunehmen, dass ein Gelehrter, der an so vielen Orten des Landes gewesen war, über das Leben seiner Königin Bescheid wusste.
Sie blickte gelangweilt aus dem Fenster und schien mehr Interesse am soeben einsetzendem Schneefall zu haben als an Nostradamus. Sollte sie diesem Mann, von dem die Menschen sagen, er könne in die Zukunft blicken, die tiefsten Geheimnisse ihrer Vergangenheit erzählen? War er der geeignete Arzt, der sie von ihrer Angst zu befreien vermochte?
[...]
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