Die ehrfürchtige Stille, die stets alle Menschen ergriff und miteinander verband, wenn die Glocken der Kirchen begannen, die Mittagsstunde einzuläuten, währte nicht lange und schon bald folgte ein jeder erneut dem Lauf seines Lebens. Ob nachdenklich oder gedankenlos, ob leise oder lärmend, ob dienend oder befehlend, ob aus eigener Überzeugung oder Akzeptanz einer Order, jeder setzt den Gang in seine, oder die ihm vorgegebene Richtung fort.
In der Thomasschule wurde die kurze Mittagsstille besonders rasch unterbrochen, denn unmittelbar nach dem letzten Glockenschlag hörte man in sämtlichen Räumen des fünfstöckigen Gebäudes und wohl auch am Platze davor, wie die Knaben fröhlich lärmend aus den Lehrstuben liefen. Während die Köpfe der Buben vom schwer verdaulichen Überangebot der mentalen Kost mehr als satt geworden waren, knurrten ihre hungrigen Mägen und verlangten nach Nahrung für den Körper.
Natürlich war das Poltern der Thomaner, vor allem jener, denen man hatte Schuhe leihen können, über die verwinkelte Holztreppe bis hinunter zum Speisesaal auch in der Wohnung des Thomaskantors Johann Sebastian Bach zu vernehmen gewesen. Als der Komponist mit seiner Frau und vier Kindern nach Leipzig gezogen war, hatte man für die Familie im linken Trakt des Alumnats eine Wohnung über drei Stockwerke eingerichtet. Da das Rektorat im rechten Teil des Gebäudes untergebracht war, lagen die Klassenzimmer und Schlafsäle der Zöglinge im wahrsten Sinn des Wortes im polaren Spannungsfeld zwischen den Territorien des Rektors und des Thomaskantors.
So sehr die Schüler die Unterbrechung des Unterrichts herbeigesehnt hatten, so sehr schreckte Anna Magdalena Bach, die gerade in der Küche beschäftigt war, auf, denn sie musste noch viel erledigen, bevor sich die Familie an den Mittagstisch setzten konnte.
Zum Glück hatte sich ihr Mann an diesem Vormittag im Unterricht vertreten lassen, was bedeutete, dass Anna Magdalena noch ein wenig Zeit blieb, bis dieser heimkommen würde. Wenn Bach seine Kompositionen zu sehr beschäftigten, um gleichzeitig den Buben vorbeten zu wollen, wie man Cicero übersetzt oder gar worin der Unterschied zwischen dem Dativ und dem Akkusativ liege, dann vernachlässigte er seine Verpflichtung, als Thomaskantor die Schüler nicht nur in Musik, sondern auch in Latein sowie Katechismus unterweisen zu müssen. An diesen Tagen bestellte er auf eigene Kosten einen Suppleanten in die Schule, der ihm die Lehrtätig abnahm. Hierfür war er bereit, einiges auszugeben, denn es fiel selbst ihm schwer, neben lästigen beruflichen Aufgaben seinen Geist für künstlerische Arbeiten freizuhalten. Vor allem die traurigen Gesichter jener Kinder, die Probleme mit den schulischen Anforderungen, Konflikte mit Klassenkameraden oder ihr Heimweh in die Einsamkeit drängten, standen Bach immer wieder im Wege, wenn er innere Klarheit benötigte, um sich der Inspiration musikalischer Motive hingeben zu können.
[...]
Gefolgt von seinem Sohn stieg der Musiker laut singend und festen Schrittes die schmale Wendeltreppe zur Orgel empor.
»Bleibt die Kantate in D-Dur?« unterbrach Gottfried den Gesang seines Vaters.
»Ja. Nur das Tempo muss ich langsamer nehmen, sonst geraten die Buben gleich zu Beginn in Schwierigkeiten!« erwiderte Bach, nachdem er den Widerhall seiner Stimme an verschiedenen Stellen der Empore verglichen hatte.
»Jetzt prüfen wir die Lunge der guten Orgel und Deine Muskeln!« schmunzelte der Komponist und zog eilig alle Register, dass es munter klackerte, sobald die Holzhebel eingerastet waren. Gottfried hatte sich als Kalkant nützlich zu machen und drückte mit kräftigen Armzügen die großen Stangen der Schöpfbälge hoch- und nieder, wodurch mit dumpfem Brausen Luft in das Windwerk strömte.
Kaum war genügend Druck aufgebaut, begann Bach mit voller Lautstärke seine Kantate ›Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage‹ zu spielen. Es dauerte nur wenige Takte, ehe von seinem Gesicht ein Strahlen der Freude ausging, denn er vernahm bereits, wie imposant sein Weihnachtsoratorium mit den beiden Orchestern und dem Doppelchor klingen würde.
Das ohrenbetäubend laute Orgelspiel entsetzte die beiden Frauen im Betstuhl vollends. Als hätten sie alle sieben apokalyptischen Trompeten gleichzeitig gehört, flohen sie aus der Kirche und übersahen in ihrer Aufregung nicht nur den Opferstock, sondern vergaßen sogar, sich zu bekreuzigen. Entrüstet wollten sie den Pastor aufsuchen, denn dieser sollte eine Frage klären: Bach oder die Ehre Gottes.
Der Komponist hingegen war von der Musik grenzenlos begeistert und prophezeite seinem Sohn zuversichtlich: »Wir wollen den Herrschaften in Leipzig ein Oratorium bieten, das sie so schnell nicht vergessen werden. Über die Matthäus Passion hat man kein Wort in den Zeitungen geschrieben. Aber Du wirst sehen, mein Weihnachtsoratorium werden sie nicht ignorieren können!«
[...]
Kaum hatte der Arzt den Raum verlassen, ergriff Bach das Rezept. »Quecksilber?«, frage er argwöhnisch.
»Fürs erste bereite ich Dir einen Umschlag mit Tee aus Augentrostblüten«, beruhigte Anna Magdalena, nahm ihm die Verordnung aus der Hand und legte das Blatt auf den Tisch.
Bach blickte seine Frau lange an, bevor er zu sprechen begann. »Auch wenn der Quacksalber etwas anderes behauptet: Was ich gesehen habe, habe ich gesehen. Ich bilde mir nichts ein. Ich bin nicht verrückt oder imaginiere. Ich bin nicht verrückt.«
Während Anna Magdalena gedankenversunken nickte, versuchte Gottfried die miserable Stimmung zu verbessern: »Zumindest hat der Medikus diagnostiziert, dass mit den Augen alles in Ordnung sei!«
Schon wollte Gottfried nach dem Rezept greifen, um es zum Apotheker zu bringen, als sein Vater ihm zuvorkam, es an sich nahm und ihn ermahnte. »Du musst Dich vor niemandem so sehr in Acht nehmen, wie vor Menschen, die Deine Kreativität untergraben. Als ich elf Jahre alt war, hat mein Bruder und Vormund Noten eingeschlossen, weil er meinte, sie würden mir schaden. Des Nachts habe ich sie aus dem Kasten gestohlen, um sie heimlich abschreiben zu können. Die Musik hat mir nicht geschadet. Wohl aber die Prügel, die ich einstecken musste.«
Wortlos zerriss Bach das Rezept des Arztes in unzählige kleine Fetzen.
»Er hat mir nicht zugehört. Er versteht nicht, worum es geht. Er kann nichts Rechtes verordnet haben.«
Dann setzte sich Johann Sebastian Bach schweigend an sein Klavier und legte die Finger auf die Tasten. Doch er spielte nicht. Der Musiker erschrak über sich selbst. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht, was er spielen sollte, zum ersten Mal in seinem Leben begannen seine Finger nicht von selbst, eine Melodie zu intonieren. Er, der hunderte Kantaten, Motetten und Konzerte geschrieben hatte, war innerlich verstummt. Leere ebbte dort, wo sonst ein Ozean an Melodien flutete.
Anna Magdalena streichelte ihrem Mann über den Rücken, während Gottfried aus Verlegenheit wieder und wieder den Brief der Stadträte las. Niemand von ihnen wollte die Stille der Betroffenheit durchbrechen. Niemand wusste, wie es nun weitergehen sollte.
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