Er hatte das lapidare Schreiben, welches ihm durch den Laufburschen des Fürsten Rasumowsky überbracht worden war, noch nicht zu Ende gelesen, als er spürte, wie das Blut ob dieser Impertinenz in seine Wangen schoss und jede einzelne Faser seines Körpers vor Wut zu beben schien.
Obwohl sein Neffe Carl bereits seine elegante Kleidung zurechtgelegt hatte, um ihn in das prunkvolle Palais des Aristokraten zu begleiten, beschloss er augenblicklich, der privilegierten Bagage fern zu bleiben, denn die wenigen Zeilen seines Gastgebers hatten ihn zu sehr echauffiert, um noch im Stande zu sein, der Einladung zu einem festlichen Weihnachtsbankett Folge zu leisten. Es scherte den indignierten Komponisten nicht, dass entsprechend der Meinung der so genannten noblen Wiener Gesellschaft keine Einladung eine höhere Auszeichnung darstellte als eine des russischen Gesandten Andrei Kirillowitsch Rasumowsky. Immerhin war dessen Vater der ranghöchste Feldherr nach dem Zaren gewesen und seine Mutter eine Cousine von Zarin Elisabeth.
Aber in seinem heiligen Zorn ließ sich der Tondichter durch nichts aufhalten; am wenigsten von erlauchten Familienverhältnissen verkommener Fürsten. So war er polternd, wie es seinem exaltierten Naturell entsprach, die schmale Wendeltreppe hinuntergeeilt und hatte dabei mit seinem Lodenumhang die Wand vom zweiten Stockwerk bis zum Flur abgewischt, als hätte er versucht, zumindest von der rechten Schulter loszuscheuern, womit man ihn beschmutzt hatte.
Auf der Straße war er keuchend einer Kutsche, die sich dem Haus genähert hatte, entgegengelaufen, weil er zu aufgebracht war, diese heranzuwinken oder gar zu warten, bis sie vor ihm anhielt. Hätte der achtsame Kutscher seine Pferde nicht rechtzeitig veranlasst langsamer zu traben, wäre es womöglich zu einem Unglück gekommen, denn der Musiker hetzte unmittelbar vor dem Wagen über die rutschige Pflasterung, als läge kein Schnee auf ihr, als wäre er noch lange kein Mann des vorgerückten Alters. Bereits ehe das Fuhrwerk zum Stillstand gekommen war, hatte er hastig den Wagenschlag aufgerissen, um sich im Inneren der Kalesche zu verbergen und die Türe mit beiden Riegeln zu versperren.
Als das Gefährt nicht losfuhr, hämmerte er empört an die Scheibe. Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte ein nicht aus seiner Ruhe zu bringender Wagenlenker den offensichtlich weihnachtlich gestressten Fahrgast, der wohl erst vor kurzem realisiert hatte, dass er bis zum Abend noch Geschenke für seine Liebsten besorgen müsse, gelangweilt an. Endlich hob er fragend die Schultern: »Jo, wohin, Euer Gnad‘n, dearf die Foahrt denn geh‘n?«
»Heiligenstadt«, brüllte der Komponist in einem Fortissimo, dass die Fensterscheiben in ihrem lockeren Holzrahmen klirrten und die Pferde scheuten. Gebieterisch machte er eine Handbewegung in Richtung des Kutschers, als wollte er einem Orchestermusiker, der Mühe hat, sich in der Partitur zurechtzufinden, einen Einsatz geben.
Abermals fand er sich in seinem prinzipiellen Zweifel an der Menschheit bestätig, denn er setzte voraus, dass ein ordentlicher Fuhrmann seine Gedanken hätte lesen können müssen. Wohin sollte ein vernunftgeborener Mensch zur Vormittagszeit des Weihnachtstages kutschiert werden wollen, wenn nicht auf dem schnellsten Wege heraus aus der Enge der Stadt und fort von der Grässlichkeit ihrer Bewohner?
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